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		<title>mem-wirtschaftsethik.de: Blog</title>
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		<lastBuildDate>Sat, 11 Jul 2026 11:40:00 +0200</lastBuildDate>
		
		
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			<title>Der neue Faschismus und der alltägliche, undurchschaute Wettbewerb</title>
			<link>http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/der-neue-fas/</link>
			<description>Der Faschismus ist zurück. Natürlich nicht als Regierungsform – obwohl man sich da in den USA unter...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Der Faschismus ist zurück. Natürlich nicht als Regierungsform – obwohl man sich da in den USA unter Trump nicht so sicher sein kann –, allerdings auf Seiten einiger Segmente der politischen und ökonomischen Elite (man denke u.a. an Elon Musks Hitlergruß, überhaupt an die Phantasien innerhalb der Tech-Elite) und der Anbieter politischer Programme (die zumindest als „rechtsextrem“ durchgehen), aber auch auf Seiten eines Teils der Normalbürger, der diese Personen bewundert, sich von diesen Programmen angezogen fühlt und sie schließlich wählt. Die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey machen in ihrer teils empirischen Studie (<link https://www.suhrkamp.de/buch/zerstoerungslust-t-9783518432662>Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, Berlin 2025</link>) einen neuen, einen „demokratischen Faschismus“ aus, dessen „treibende Kraft“ ein „Zerstörungslust“ sei, deren „lustvolle Grausamkeit“ über den herkömmlichen Rechtspopulismus hinausgehe (S. 12).&nbsp; 
Natürlich ist zum einen die Frage, was wir als „Faschismus“ bezeichnen möchten bzw. welche Merkmale des historischen Faschismus wir als seinen Kern betrachten wollen und damit, wem der Bannstrahl, dessen Geistes Kind zu sein, gebührt. Zum anderen die nach den Ursachen bzw. Gründen des Wiedererstarkens faschistischer Tendenzen. 
<h1>Was ist „Faschismus“?</h1>
Die Philosophin Eva von Redecker, die ebenfalls mit „<link https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240>Dieser Drang nach Härte</link>“ jüngst eine Publikation zu den Tendenzen eines „neuen Faschismus“ vorgelegt hat, begreift Faschismus als „liquidierende Phantombesitzverteidigung“ (S. 20). Faschisten „verteidigen“ demnach also definitionsgemäß einen Besitz, über den sie nicht mehr oder noch nicht verfügen, wobei sie glauben, dieser stünde ihnen zu, sei also ihr legitimes Eigentum, obwohl dies nicht der Fall sei, weshalb der Anspruch illusorisch sei und sie folglich einem „Phantom“ hinterherlaufen. Man kann das auch kürzer haben: Faschismus ist demnach unbedingter Aneignungswille, der auch über Leichen geht („liquidierend“ ist), weshalb Faschismus nur eine innerlich konsequente Fortentwicklung und Radikalisierung des „Kapitalismus“ als sein „Exzess“ sei (vgl. S. 25, 131). Darum ist der Zusammenhang, auf den Max Horkheimer in seinem berühmten Diktum abstellt, dass, „wer aber vom Kapitalismus nicht reden“ wolle, „auch vom Faschismus schweigen“ möge, nur für denjenigen erstaunlich, der diesen begrifflichen Kern des Faschismus nicht verstanden habe (vgl. S. 72 ff.).
Allerdings hat Homo oeconomicus, der durch seinen bedingungs- und grenzenlosen Aneignungswillen definiert ist, kein systematisches Interesse an „Elimination“. Zwar würde er, da er definitionsgemäß „Nutzenmaximierung“ betreibt, selbstverständlich über Leichen gehen, so sich dies auszahlt, sonst wäre es eben keine <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/rentabilitaet/>Maximierung</link>. Da man die Leute aber doch eigentlich für sich arbeiten lassen könnte, wäre „Elimination“ aus seiner Sicht vor allem eine Verschwendung. Außerdem würde sich der Kreis der Käufer reduzieren. 
Amlinger und Nachtwey begreifen „Faschismus“ als „offene Negation der Demokratie“ (S. 258), insbesondere der „liberalen Demokratie“ (S. 260, 311), d.h. als Abschaffung von „Rechtsstaatlichkeit und Demokratie“ (S. 248). Den Widerspruch zum Begriff eines „demokratischen Faschismus“, eines Faschismus von unten sozusagen, lösen sie dadurch auf, dass dieser, so er an die Macht käme, dieses „demokratische“ Moment sogleich abschaffen würde (vgl. S. 307). Dazu passt, dass Donald Trump im Juli 2024 konservativen Christen <link https://www.nytimes.com/2024/07/27/us/politics/trump-votes-christians.html>versprach</link>, wenn sie ihn wählten und er Präsident würde, so müssten sie danach nie mehr zur Wahl gehen. (Offenbar meinte er, dies sei zumindest gegenüber diesem Publikum keine Drohung.)
Dieses Verständnis krankt allerdings u.a. daran, dass unklar ist, wie Gemeinwesen bzw. Staaten zu beurteilen sind, die ganz sicher keine Demokratien sind und es auch nie waren, etwa solche, die als „harte Autokratien“ eingestuft werden. Sind Saudi-Arabien ebenso wie China als faschistisch zu beurteilen? (Gemäß dem <link https://146165116.fs1.hubspotusercontent-eu1.net/hubfs/146165116/DPI%202026.pdf>Democracy Perception Index</link> (S. 28), der angibt, für wie „demokratisch“ die eigenen Bürger ihr Land halten, rangiert China übrigens deutlich vor vielen anderen europäischen Staaten, was natürlich auch mit kategorial unterschiedlichen Auffassungen darüber zusammenhängen dürfte, in welcher Hinsicht eine Regierung „dem Volk“ dienen soll.)&nbsp;&nbsp; 
<h1>Faschismus als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“</h1>
Stimmiger ist ein anderes Verständnis von Faschismus, für das sich sowohl bei Amlinger und Nachtwey als auch bei von Redecker durchaus auch Anknüpfungspunkte finden. Für Amlinger und Nachtwey ist „Gewalt“ ein „generatives Merkmal“ des Faschismus (S. 252). Der Faschismus sei „von einem inneren Drang angetrieben, die äußere Welt destruktiv zu bearbeiten“ (S. 283). „Destruktivität“ sei „der sozioemotionale Kern des faschistischen Begehrens“ (S. 311). Diese „Zerstörungslust“ (Buchtitel) müsse nicht allein in Form „institutionalisierter Gewaltherrschaft“ auftreten, sondern könne sich auch (als Moment eines „demokratischen Faschismus“, ließe sich wohl ergänzen) „in Form kleiner Grausamkeiten“ im Alltag manifestieren (S. 275). Wobei sich diese Gewalt natürlich gegen bestimmte Personenkreise richtet – seien es „die Juden“ (klassischer Faschismus), Muslime, „Kommunisten“, das „woke“ Establishment, zu Schmarotzern deklassierte sozial Schwache und natürlich, sozusagen definitionsgemäß, Antifaschisten jeglicher Couleur. 
Faschismus ist „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (Wilhelm Heitmeyer) als politisches Programm. Nicht jede gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist bereits faschistisch. Aber sie wird es, wenn eine bestimmte Schwelle überschritten und sie mit einem Maß an Skrupellosigkeit und Gnadenlosigkeit betrieben wird, die uns erschaudern lässt oder lassen müsste. Dafür sind Führerkult und „autoritäre Persönlichkeit“ nicht unbedingt notwendig. Die Begriffsverwendung ist allerdings letztlich eine Frage der Konvention. Aber wie sonst sollten wir die totale Entrechtung, die Entmenschlichung eines bestimmten Personenkreises nennen, wenn nicht Faschismus?
Eva von Redecker benutzt gar, wenn auch bloß en passant, den von Heitmeyer geprägten Begriff „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“. Diese sei es, die „die faschistische Mobilisierung“ „vorantreibt“ (S. 187), wobei die „Hassobjekte“ (S. 188) wechseln können. 
Wenn „dämonisierende Hetze“ sich „gegen Minderheiten“ richtet, denen ihre Rechte zumindest partiell entzogen werden, sei von „faschistischen politischen Maßnahmen“ zu reden (S. 234). Man muss sich ihres „Besitzes“ (weit verstanden) also gar nicht bemächtigen wollen, um als „Faschist“ zu gelten. Der „wahnhafte Eigentumsrausch“ (S. 235) mag hinzukommen. Er speist sich aber aus der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, nicht umgekehrt diese aus grenzenlosem Aneignungswillen, was ja, siehe Homo oeconomicus, ohnehin keinen Sinn ergibt. 
<h1>Der erste Erklärungsversuch: Enttäusche Wohlstandssteigerungsversprechen</h1>
Dass die Verbreitung „faschistischer Fantasien“ (Amlinger/Nachtwey, S. 11) in einer sich fortwährend ökonomisierenden Welt mit eben dieser Ökonomisierung bzw. Vermarktlichung zusammenhängt, darauf soll das Horkheimer-Zitat hinweisen, dessen sich auch Amlinger und Nachtwey bedienen (S. 321). Aber wie genau?
Für Amlinger und Nachtwey ist die sich gegen bestimmte Gruppen richtende „Zerstörungslust“ vor allem eine Reaktion enttäuschter Wohlstandssteigerungsversprechen. „Ungebremstes Wachstum ist kaum noch möglich – und eigentlich nicht mehr wünschenswert,“ (S. 13), vor allem aus klimapolitischen Gründen nicht (S. 80). 
Die Leute empfänden darum ein „blockiertes“, eine „ungelebtes Leben“ (und reagieren darauf mit „Destruktivität“), wobei die Blockade darin bestehe, dass „Menschen“ (offenbar von Natur aus) „sich ausbreiten und Spuren in der Welt hinterlassen“ wollen (womit der unbändige Wunsch nach immer mehr Gütern gemeint ist), dies aber wegen Wachstumsschwäche „vereitelt“ werde (S. 135) bzw. heute illusorisch sei. An anderer Stelle (S. 294) ist davon die Rede, dass „die Gesellschaft“ nicht nur diese „Wünsche“ (nach immer mehr Gütern) „produziert“, sondern deren Erfüllung auch „vereitelt“. Die Wut erwachse also aus erwarteten und „versprochenen“ (S. 90), aber nicht mehr realisierten Gewinnen, nicht aus Verlusten oder aus Druck; aus enttäuschten Lockungen und nicht eingehaltenen „Aufstiegsversprechen“ (S. 318), nicht aus zugefügten Schäden.
<h1>Andeutungen eines zweiten Erklärungsversuchs: Als untragbar empfundener Wettbewerbsdruck</h1>
Doch natürlich gibt es auch Verluste, vor allem Verlust- bzw. Abstiegsängste (vgl. S. 162 f.), etwa die Befürchtung, „seine soziale Position nicht mehr halten zu können“ (S. 97). Allerdings ist vor allem vom Ergebnis der Anstrengungen die Rede, den Einkommen und was sich damit erwerben lässt, weniger davon, was die Leute tun müssen, welche Dispositionen sie sich aneignen müssen, um den erwarteten Abstieg zu vermeiden. Keine Erwähnung finden beispielsweise die vielen Studien, die zeigen, dass der empfundene arbeitsbedingte Stress stetig zunimmt und vom Anstieg kein Ende in Sicht ist (vgl. beispielsweise den <link https://www.tk.de/resource/blob/2208780/ba51a41989daff8fee95544c46761f1b/tk-stressreport-2025-data.pdf>Stressreport 2025</link> der Techniker Krankenkasse). Auch ist unklar, wer die (erwarteten) Verluste erzeugt, woher der „kapitalistische Zwang zur Anpassung“ (S. 175) rührt und über welche Wirkkanäle die „kapitalistische Erneuerung“ ihre „destruktive Kraft“ (S. 225) entfaltet. 
Als Antwort angeboten wird etwa, reichlich unspezifisch, „die Modernisierung“, die „Verlierer“ erzeuge (S. 165). Wodurch eigentlich? Oder „die Meritokratie“ (S. 102 f.), also die „Idee“, dass derjenige, der viel verdient, viel geleistet haben muss, und dass Leistung und sonst gar nichts zählen soll, wobei diese „Idee“ „nichtintendierte Nebenfolgen“ habe (etwa „wütenden Populismus“). Was vielleicht daran liegt, dass die gesellschaftlichen bzw. ökonomischen Kräfte, die hier wirken, gar keiner Intention von irgendwem entspringen? (Der Neoliberalismus hat die Entfaltung dieser Kräfte durch ihre „Entfesselung“ bloß zugelassen.)
<h1>Unpersönliche Zwänge</h1>
Unvermittelt ist später von „strukturellen“, also nicht personalen „Zwängen“ die Rede (S. 111). Doch ist unklar, wie diese wirken. Zwar ist auch vom Wettbewerb die Rede (S. 104), damit aber vor allem Konkurrenz bzw. „Wettbewerb zwischen [identifizierbaren] Individuen“ gemeint. (Vgl. zur begrifflichen Abgrenzung zwischen (interpersonaler) „Konkurrenz“ und (systemischem) „Wettbewerb“ Thielemann, U.: <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/das-mem/publikationen/wettbewerb-als-gerechtigkeitskonzept/>Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept</link>. Kritik des Neoliberalismus, Marburg 2010, S. 151.)
Auch für Eva von Redecker liegt der Grund für wachsende, als zumindest latent faschistisch zu bezeichnenden Neigungen schließlich doch nicht allein in bestimmten Wünschen und Neigungen, die in Freiheit gewählt werden (zur bedingungslosen, im Grenzfall „eliminatorischen“ Akkumulation von Reichtümern nämlich), sondern in „bestehenden Zwängen“ (S. 172). Diese erwachsen insbesondere daraus, dass „die Menschen … nie sicher sein können, wie ihre Arbeitskraft zugeschnitten und ob sie gar demnächst für nichtig erklärt wird“ (S. 172). Dies führe (aus nicht näher erläuterten Gründen) dazu, dass „manche die spaltende Maschinerie gezielt auf ihre Mitmenschen“ verlagerten, was „einem Teil der Menschen“ dabei helfe, „sich mit den bestehenden Zwängen“ (deren Verringerung in ihren Augen offenbar als vollständig illusorisch angesehen wird) abzufinden (ebd.). 
Dies ist treffend erkannt. Und wir finden dieses Muster auch in der Studie von Amlinger und Nachtwey, etwa wenn eine der Interviewten bemerkt, sie würde sich täglich „den Arsch aufreißen“ (S. 207) – und sie dabei keinen zu benennen weiß, der sie dazu zwingt; andere jedoch, vor allem Geflüchtete, die das nicht täten, bekämen, wie es eine andere Interviewte im gleichen Geist und mit gleicher Drastik formuliert, „Geld in den Arsch geschoben“ (S. 101). Und dann ist man nicht weit entfernt davon, in der „übertriebenen Regulierung“ und in der Sozialpolitik, die die „liberalen Eliten“ betrieben, einen Verhinderer des eigenen Fortkommens oder gar den eigentlichen Verursacher der eigenen „Not“ zu erblicken (vgl. S. 102, 233). 
Aber warum eigentlich diese Verlagerung auf Sündenböcke? Offenbar bekommt man die eigentlichen „Sünder“ nicht zu fassen. Das geht nicht nur den Befragten so, sondern auch den Autorinnen und Autoren. Die Zwänge, die Eva von Redecker in einem zweiten Schritt zur Erklärung der neuen faschistischen Tendenz anführt, zeichnen sich dadurch aus, dass „unklar“ sei, „woher sie kommen“ (S. 177) – weder ihr noch denjenigen, die ihnen im Alltag des „Marktkampfes“ (Max Weber) unterworfen sind<a name="_Hlk233787847">. Feststellbar sei nur, dass „der Markt weder Gesicht noch Adresse“ habe (S. 141), so dass man nicht wisse, „auf wen man denn eigentlich wütend sein soll“ (S. 177). </a>„<link https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Studien/VSA_Rechtspopulismus_und_Gewerkschaften.pdf>Adressatenlos Wut</link>“ und die Suche nach Sündenböcken sind die Folge. Diese fälschlich zu den Verursachern des eigenen Leids auserkorenen Gruppen verdammt man möglicherweise darum mit wachsender Erbarmungslosigkeit, weil ihre Verdammung (oder gar ihre „Elimination“) nicht hilft bzw. hülfe, dem eigenen Los zu entkommen und man also immer noch eine Schippe drauflegen zu müssen meint. 
Auch Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey benennen die tatsächlichen Kräfte nicht, die die „Härten“ erzeugen, denen die Leute „in der spätmodernen Gesellschaft … ausgesetzt sind“ (S. 167) – und von denen diejenigen, die von „faschistischer Fantasien“ befallen sind, wünschen, dass ihnen alle, auch etwa Geflüchtete, Transferzahlungsempfänger usw. unerbittlich ausgesetzt sind –; jedenfalls benennen sie diese nicht systematisch. Für diese unpersönlichen (und darum unerbittlichen) Kräfte bzw. Zwänge, die im Gesellschaftlichen (statt in der Natur) ihre Wurzel haben, für die sich aber kein verantwortlicher Verursacher ermitteln lässt (weil sie dem machtvollen <i>Zusammenspiel </i>der (Markt-)Handlungen entspringen), hat sich der Begriff der „Sachzwänge“ etabliert. (Um keine Zweifel darüber aufkommen zu lassen, ob wir in einer freien oder in einer unfreien Welt leben, soll-ten Neoliberale den Begriff meiden, und sie meiden ihn in der Regel auch.) „&lt;Sachzwänge&gt;“, so meinen Amlinger und Nachtwey, seien allerdings im Kern als „vermeintliche“ (S. 314) bzw. als Scheinsachzwänge zu begreifen (vgl. S. 83). Dabei gehen die Autoren offenbar von der Fehlannahme aus, dass, wenn es Sachzwänge gäbe, man sich ihnen unterwerfen müsste. Sie verkennen dabei, dass sie eben eine besondere Form der Politik erfordern, nämlich eine im Kern „protektionistische“ „Sachzwangbegrenzungspolitik“ (<link https://haupt.ch/integrative-wirtschaftsethik/2329783258080031>Peter Ulrich</link>, S. 173).
<h1>Der instanzlose Wettbewerb als Erziehungsanstalt</h1>
Auch wenn Amlinger und Nachtwey eine entsprechende, nämlich systemisch-kritische Wettbewerbstheorie fehlt, scheinen Momente davon doch hier und da auf und werden auch mit dem Begriff „Wettbewerb“ benannt. Nun ist es nicht mehr der Wunsch nach „quantitativen Zuwächsen“ und „qualitativen Verbesserungen“ (S. 134) – also einem stetigen Zuwachs an Güterfülle – aus dessen Vereitelung durch endemische Wachstumsschwäche faschistische Tendenzen entspringen sollen, sondern „die Wettbewerbslogik“ (S. 108 f.). (Der Wettbewerb, der hier gemeint ist, ist nicht nur derjenige, der sich auf Märkten homogener Güter abspielt und auf den die Wettbewerbspolitik abstellt, sondern der übergreifende Wettbewerb, der sich auf dem „Gesamtmarkt“ abspielt und dem sich auch noch die Politik unterwirft. Vgl. <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/das-mem/publikationen/wettbewerb-als-gerechtigkeitskonzept/>Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept</link>, S. 224-229.) Diese führt dazu, dass, so einer der Interviewten, „wir uns hier Dinge gefallen lassen müssen“, die andere – nämlich Transferzahlungsbezieher – „nicht wahrhaben“ wollen (S. 108). Wer hier zwingt, nämlich dazu, „sich den Arsch aufzureißen“ (s.o.), bleibt dem Mann verborgen, da ja der Wettbewerb <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/fileadmin/user_upload/mem-denkfabrik/2014/Das_Ganze_des_Wirtschaftens.pdf>instanzlos</link> abläuft und man verantwortliche Verursacher nicht identifizieren kann. Erschwerend hinzu kommt, dass diejenigen, die in Frage kämen – Arbeitgeber, Chefs, Investoren, das Kapital – systematisch nicht als Täter, sondern entweder als Retter oder als Erpresser in Erscheinung treten. (Die Erpressung besteht u.a. darin, nur zu retten (Arbeitsplätze zu schaffen), wenn weitere Vorteile (Steuersenkungen, Verzicht auf Regulierung usw.) gewährt werden.) 
Die Folge ist die Internalisierung des „Strebens nach Selbstoptimierung“ und des „Kampfes um Status“ (S. 218). Diesem Kampf soll sich niemand entziehen dürfen, da man ihm selbst unterworfen ist, was eine Tatsache sei, die nicht hinterfragt werden kann. Man kann diese Kräfte entweder nur „wahrhaben“ oder nicht. Und wer sie nicht „wahrhaben“ will, der reklamiert für sich Privilegien, die mit aller Härte zu bekämpfen seien. So soll ein Migrant, die nicht innerhalb kürzester Zeit einen Job ergattert, „einen Tritt“ erhalten, „der so weh tut“ – und nun sagt der Interviewte nicht: wie es ihm täglich weh tut, sondern er sagt: „dass er nicht wiederkommt“ (S. 108). 
Der Marktwettbewerb wirkt als <link https://ethik-und-gesellschaft.de/ojs/index.php/eug/article/view/8761>Erziehungsanstalt</link>, weil man den Erzieher nicht zu fassen bekommt und man sich darum (scheinbar) „eigenverantwortlich“ zum Unternehmer seiner selbst erzieht, um einem ökonomischen Absturz prospektiv zu begegnen. Dies schließt ein, „gegenüber den eigenen Schwächen kein Mitleid haben“ zu dürfen (S. 305). <i>Auf dieser Basis</i> hat es dann durchaus eine gewisse moralische Plausibilität, „unbarmherzig gegen jene Menschen“ eingestellt zu sein, die sich den für unabänderlich erklärten „Leistungsanforderungen entziehen“ (vgl. S. 305). 
<h1>Was „antifaschistische Wirtschaftspolitik“ leisten müsste</h1>
Man erkennt hieran, dass eine „<link https://de.wikipedia.org/wiki/Antifaschistische_Wirtschaftspolitik>antifaschistische Wirtschaftspolitik</link>“ (Isabella Weber) – die man so natürlich nicht nennen würde, würde sie zum politischen Programm – tiefer ansetzen müsste, als allein daran, die Gewinninflation durch Preispolitik und Übergewinnsteuern einzudämmen. Zwar würde eine solche Umverteilungspolitik das Los derjenigen verbessern, die unter einem nur schwer zu ertragenden Druck stehen und die, weil sie den Urheber des Drucks nicht identifizieren können, ihre ohnmächtige Wut darüber auf andere umlenken. Denn Umverteilung wirkt stets auch wettbewerbsentschärfend. 
Allerdings sind diejenigen, die „faschistischer Fantasien“ zuneigen, offenbar zugleich diejenigen, die den Zwang zum Lebensunternehmertum im besonderen Maße verinnerlicht haben und die etwa, so ein weiterer Interviewter, ihr Leben „hart und diszipliniert“ auf die Erfordernisse beruflichen Erfolgs ausrichten und die auch dann, wenn sie ihr Leben praktisch durchgearbeitet haben, trotzdem nie das Gefühl hatten, „angekommen“ zu sein (Amlinger/Nachtwey, S. 105 f.). Ihnen dürfte eine „antifaschistische Wirtschaftspolitik“ zwar einige Erleichterungen bringen, sie dürften diese aber vermutlich bekämpfen, weil sie nicht etwa weniger, sondern (noch) „mehr Kapitalismus wagen“ (<link https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/54C5UHG2DUUUTQNGGS6UOGVPZMHASSTE>Friedrich Merz</link>, &nbsp;Buchtitel aus dem Jahre 2008) wollen. Überdies müsste zunächst einmal die Voraussetzungen geschaffen werden, eine „antifaschistische“, also eine substanziell begründete Wirtschaftspolitik zu betreiben, die nicht selbst wiederum einer vorgegebenen Maßgabe zu folgen hat, nämlich derjenigen, „die Wettbewerbsfähigkeit“ des Standortes mindestens zu erhalten und möglichst zu steigern.
<i>„Nur nationalstaatlich souverän begrenzte Gesellschaften [im Unterschied zum Regime hyperglobalistisch offener Märkte, A.d.V.] können demokratisch organisiert und dadurch in der Lage sein, einen kollektiven, für alle Bürger geltenden politischen Willen hervorzubringen und mit legitimer Autorität durchzusetzen, einem Willen, der den Anpassungsforderungen des Kapitalismus an die Gesellschaft Anpassungsforderungen der Gesellschaft an den Kapitalismus entgegensetzt und das soziale Leben einigermaßen vor den Dauerturbulenzen globaler Märkte und den unberechenbaren Schwankungen der von ihnen hervorgebrachten relativen Preise schützt.“ (Streeck, W.: Zwischen Globalismus und Demokratie. Politische Ökonomie im ausgehenden Neoliberalismus, Berlin 2021, S. 438). </i>&nbsp;
Möglicherweise lässt sich damit an einige der eher harmloseren Aspirationen des Fußvolkes der Neuen Rechten anknüpfen. ]]></content:encoded>
			<category>Ökonomisierung</category>
			<category>Freiheit</category>
			<category>Regulierung</category>
			
			
			<pubDate>Sat, 11 Jul 2026 11:40:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Klimakatastrophe abwenden </title>
			<link>http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/klimakatastr/</link>
			<description>Nur Schrumpfen hilft (laufende Aktualisierung)</description>
			<content:encoded><![CDATA[Ich habe mich in jüngerer Zeit vermehrt der Klimafrage gewidmet - und zwar aus aktuellem Anlass. Und dieser Anlass wird nicht vorübergehen: Überlegungen dazu, wie der klimatologische <link https://www.metropolis-verlag.de/Klimaneutralitaet-jetzt%21/1470/book.do _blank - "Opens external link in new window">Ökozid</link> - die Lage ist tatsächlich so dramatisch -&nbsp;vielleicht doch noch abgewendet werden kann.
Beitrage dazu habe ich vor allem auf Makroskop (leider weitgehend kostenpflichtig) verfasst:
<ul><li>Game Over – oder Ende des Marktregimes, in: Makroskop. Magazin für Wirtschaftspolitik, Doppelnummer 2021, S. 158-169. Zusammenfassung auf <link https://twitter.com/UThielemann/status/1427701296346316811 _blank - "Opens external link in new window">Twitter</link>. <link fileadmin/user_upload/mem-denkfabrik/2021/2021_Makroskop_Game_Over.pdf - - "Initiates file download">Ms</link>.</li><li><link https://makroskop.eu/spotlight/wahlbarometer-zwischen-wirtschaftswunder-und-klimakollaps/nur-schrumpfung-bewahrt-uns-vor-dem-klimakollaps/ _blank - "Opens external link in new window">Nur Schrumpfung bewahrt uns vor dem Klimakollaps</link>, Makroskop, 10. September 2021. </li><li><link https://makroskop.eu/33-2021/laschets-lasche-klimapolitik/ _blank - "Opens external link in new window">Laschets lasche Klimapolitik</link>, Makroskop, 17. September 2021.&nbsp; Zusammenfassung auf <link https://twitter.com/UThielemann/status/1439875540312379392 _blank - "Opens external link in new window">Twitter</link>.</li><li><link https://makroskop.eu/04-2022/klimawandel-reichtum-als-wesentlicher-treiber-1/ _top - "Opens external link in new window">Progressive Besteuerung als Ausweg aus der Klimakrise – 1: Reichtum als wesentlicher Treiber</link>, Makroskop, 2. Februar 2022, <link https://twitter.com/UThielemann/status/1488909968992616455 _blank - "Opens external link in new window">Twitter</link>.</li><li><link https://makroskop.eu/09-2022/progressive-besteuerung-als-ausweg-aus-der-klimakrise-2/ _blank - "Opens external link in new window">Progressive Besteuerung als Ausweg aus der Klimakrise – 2: Die Verantwortung der Vermögenden</link>, Makroskop, 10. März 2022.</li><li>Nur eine progressive Steuerrevolution kann den Klimakollaps vielleicht noch aufhalten, <link https://makronom.de/nur-eine-progressive-steuerrevolution-kann-den-klimakollaps-vielleicht-noch-aufhalten-42217>Makronom</link>, 4. Juli 2022 (verfügbar unter <link https://www.exploring-economics.org/de/entdecken/nur-eine-progressive-steuerrevolution-kann-den-klimakollaps-vielleicht-noch-aufhalten/ - - "Opens external link in new window">Exploring Economics</link>); Englisch (automatische Übersetzung) <link https://www.indybay.org/newsitems/2022/08/30/18851811.php _blank - "Opens external link in new window">hier</link>. </li><li>Für marktkonforme Instrumente ist es zu spät, <link https://makroskop.eu/31-2022/klimapolitik-fur-marktkonforme-instrumente-ist-es-zu-spat/#_ftnref6 _blank - "Opens external link in new window">Makroskop</link>, 13. September 2022. </li><li>Klimapolitik über den Preis: Unwirksam und ungerecht, <link https://makroskop.eu/37-2022/klimapolitik-uber-den-preis-ist-unwirksam-und-ungerecht/>Makroskop</link>, 27. Oktober 2022.</li><li>Klimakollaps abwenden? Das geht nur mit Verzicht und Verbrauchsreduktion, <link https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/klimakollaps-abwenden-das-geht-nur-mit-verzicht-und-verbrauchreduktion>Freitag.de</link>, 14. Januar 2023 (<link fileadmin/user_upload/mem-denkfabrik/2023/Klimakollaps_Verbrauchsreduktionen.pdf - - "Initiates file download">Ms.</link>).</li><li><link fileadmin/user_upload/mem-denkfabrik/2023/KlimakollapsNochAufhaltbar.pdf - - "Initiates file download">Ist der Klimakollaps noch aufhaltbar?</link> Sachstand – Ursachen – (falsche) Perspektiven, Vortrag auf Einladung der Schader-Stiftung und des Werkbundes Hessen, Darmstadt, 19. Januar 2023.</li><li>Konsumieren wir uns zu Tode?, <link https://makroskop.eu/34-2023/konsumieren-wir-uns-zu-tode/>Makroskop</link>, 19. Oktober 2023.</li><li>Den Klimakollaps aufhalten durch eine unternehmerische  Suffizienzrevolution? Korreferat zum Beitrag von André Reichel, in:  Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik, Jg. 26, H. 2, 2025,  S. 174-180.</li></ul>
Fortsetzung folgt.




]]></content:encoded>
			<category>Nachhaltigkeit</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 20 Oct 2023 08:31:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Argumente gegen Staatsfinanzierung durch Verschuldung statt durch progressive Besteuerung</title>
			<link>http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/argumente-ge/</link>
			<description>Nach Axel Stommel</description>
			<content:encoded><![CDATA[Stommel, A.: <link https://www.buechner-verlag.de/buch/basics-der-oekonomie/>Basics der Ökonomie</link>, Marburg 2019.
Allgemein: Staatsverschuldung (außer im akuten Krisenfall) ist der „Verzicht auf eine sach- und leistungsfähigkeitsrechte Besteuerung“ (S. 65)
1.&nbsp;&nbsp;&nbsp; <link https://makroskop.eu/spotlight/wahlbaromter-alles-gruen-was-glaenzt/von-der-sinnlosigkeit-das-kapital-zu-hofieren/>Hofierung des Kapitals</link>; „vermiedene Steuerschuld“ (Helge Peukert): S. 18: Staatsverschuldung = „ersparte Steuern“ bzw. „Schonung privaten Reichtums“, und zwar von „Unternehmen und Vermögenden“ (S. 25); UND Gewährung „sicherer Anlagemöglichkeiten“ für die sich im „Anlagennotstand“ befindlichen Vermögenden bzw. für die „ersparten Steuern“ (S. 18). Dies entspricht einer „traumhaften Doppel-Perspektive für Vermögende, ihre Anlagesorgen einerseits und ihren Steuervermeidungsdrang andererseits“ (S. 57)
2.&nbsp;&nbsp;&nbsp; Austerität, offenbar weil durch Schulden eingehende Finanzmittel tiefer sind, als durch angemessene („aufgabengerechte“) Besteuerung vereinnahmten. („Infrastruktur verfällt“, „mangelhafte Personalausstattung“, S. 19). Denn „der Schuldendienst verhindert Ausgaben zugunsten der Gesellschaft, darunter vor allem zugunsten ihrer ärmeren Teile.“ (S. 34) „Der arme Staat ist der Reichen Schatz.“ (S. 18) Eine aufgabengerechte Finanzierung durch (progressive) Besteuerung (Leistungsfähigkeitsprinzip) ist einfach „billiger“ (S. 54).
3.&nbsp;&nbsp;&nbsp; Zwang zum „andauernden Wachstum“; „Wachstum um der Schulden willen“; „ökologisch ein Unding“ (S. 32). „Wachstum wird zum ständigen Gebot.“ (S. 63)
4.&nbsp;&nbsp;&nbsp; Zunahme der Polarisierung durch „unterlassene Besteuerung“ (S. 33). S. 34: „Den Schuldenbergen entsprechen centgenau riesige, rechtsverbindlich vereinbarte staatliche Umverteilungsprozesse – weg von den Steuerlastträgern, hin zu den vermögenden Staatsanleihe-Zeichnern.“
5.&nbsp;&nbsp;&nbsp; „Abhängigkeit“ von „Kreditgebern bzw. der &gt;Finanzmärkte&lt;“ (S. 33). „Beeinträchtigung der Autonomie staatlichen Handels“ (S. 54) bzw. demokratischer Souveränität (Volkssouveränität). Verschuldung statt (progressive) Besteuerung führt zur „Beschränkung staatlicher Macht“ (S. 50). Sie „unterwirft den Staat dem Diktat“ der Gläubiger und führt „zur multiplen Indienstnahme des verschuldeten Staates in Gestalt diverser Zins-, Zinsergänzungs-, Zinsersatz- und anderen geldwerten prozess- und ordnungspolitischen Leistungen“ (S. 66). Denn „Kreditwürdigkeit, das internationale, privat organisierte &gt;Rating&lt;, ist das Erste, was gesichert werden muss.“ (S. 50) „Der verschuldete Staat ist den Finanzmärkten unterworfen.“ (S. 62) Es herrscht dann der „Zwang, es den Staatsgläubigern recht zu machen“. (S. 63)
„Wer auf anti-austeritäre, &gt;wachstumsorientierte&lt;, sich andauernd selbst finanzierende, staatliche Verschuldung setzt, setzt auf etwas, was es nicht gibt. Das ist Voodoo-Ökonomie.“ (S. 62)
Vgl. Irrsinn, der Ersetzung der Kapitalbesteuerung durch Verschuldung beim Kapital, bzw. zur &quot;Transformation des Steuerstaates in einen Schuldenstaat&quot; auch Streeck, W.: Gekaufte Zeit, Frankfurt a.M. 2013, S. 109 ff.]]></content:encoded>
			<category>Steuergerechtigkeit</category>
			
			
			<pubDate>Fri, 01 Sep 2023 20:27:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Neoliberale Deutungshoheit in Zeiten der Pandemie</title>
			<link>http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/neoliberale-1/</link>
			<description>
Ich habe auf Twitter auf diese Stellungnahme von Michale Hüther reagiert: 
«Der ständige Hinweis...</description>
			<content:encoded><![CDATA[
Ich habe auf Twitter auf <link https://twitter.com/michael_huether/status/1380460172645130240>diese Stellungnahme</link> von Michale Hüther reagiert: 
<blockquote>«Der ständige Hinweis „wir brauchen einen Lockdown“ muss all denen wie Hohn vorkommen, deren Geschäfte, Restaurants, Hotels etc. seit Monaten geschlossen sind. Im politischen Diskurs dominiert die Lockdown-Euphorie ohne angemessene Evidenz über Wirkung &amp; Kollateraleffekte.»</blockquote>
Da es ein relativ <link https://twitter.com/UThielemann/status/1380808660507623425>langer Thread</link> geworden ist, hier als Fließtext:

Man sollte auf solche Leute einfach nicht mehr hören. Hüther hat sich schon mehrfach disqualifiziert. Etwa indem er einem fiktiven «<link https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/iw-chef-michael-huether-im-interview-eine-erneute-lockdown-verschaerfung-jetzt-ist-nur-schwer-nachzuvollziehen/26827974.html>Recht auf ewiges Leben</link>» eine Absage erteilte und damit offenbar das ewige Recht auf Leben meinte. 
Nun stellt er die Dinge erneut auf den Kopf. Der stationäre Einzelhandel, personenbezogene Dienstleistungen und Kulturbetriebe sind ja einzig darum «seit Monaten geschlossen», weil sich die Industrievertreter weigern, einen echten Lockdown zuzulassen (#ZeroCovid). Stattdessen werden die Bürger zu einen ewigen Freizeitlockdown genötigt und die mitbetroffenen Dienstleistungsunternehmen in die Insolvenz geschickt. 
Die Macht dieser Konzernlobbyisten – am besten im Gewand eines Professors – zeigt sich etwa darin, dass die Kanzlerin sich dafür entschuldigen musste, einen einzigen echten Lockdown-Tag (in Form eines zusätzlichen Feiertages am Gründonnerstag + Karsamstag) erwogen zu haben – nach offenbar massiven Interventionen von BDA, BDI, DIHK usw., die ihre «Wertschöpfungsketten», d.h. die Ketten, die ihren Shareholder-Value kontinuierlich anschwellen lassen soll, gefährdet sahen.
Ob Merkel sich bei den Bürgern oder bei der Industrie entschuldigte, ist nicht so ganz klar. Vielleicht bei den Bürgern dafür, dass sie für einen Moment die «Standortpolitik» aus den Augen verloren hatte? Jedenfalls meinte ein Industrievertreter nachher: «Der <link https://www.welt.de/politik/deutschland/article229055935/Kehrtwende-zur-Osterruhe-Lob-aus-der-Wirtschaft.html>Dialog zwischen Politik und Wirtschaft</link> funktioniert auch unter dem Druck der Corona-Pandemie.»
Es liegt auch an der Deutungshoheit von Figuren wie Hüther, dass die Bundesregierung gar nicht daran gedacht hat, einen Plan für einen Industrielockdown mit der Unterscheidung in systemrelevante und -irrelevante Betriebe auszuarbeiten. Diese Unterlassung ist ein schwerer Fehler bei der politischen Bewältigung der Pandemie. Und dies obwohl die Maßnahme «<link https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.03.25.21254330v1>All non-essential businesses closed</link>» bei weitem wirksamste Eindämmungsmaßnahme ist.
Ein solcher 3-wöchiger Industrielockdown (wir müssen in Zeiten der Pandemie keine Autos für den Export produzieren) würde die Inzidenzen sofort nach unten drücken, und zwar progressiv. Natürlich müsste der zwischenzeitliche Verdienstausfall der Beschäftigten kompensiert werden.
Es ist dieser neoliberalen Deutungshoheit auch zu verdanken, dass #Zero-Covid als eine «<link https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-03/kontaktbeschraenkungen-corona-massnahmen-privat-industrie-kritik>linksradikaler Vorschlag</link>» (Die Zeit) und damit als von vorn herein indiskutabel hingestellt wird. 
Die Fixierung auf Shareholder-Value vernebelt diesen Lobbyisten die Gedankenwelt so sehr, dass sie den <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/index.php?id=1156&tx_ttnews%5btt_news%5d=219&cHash=85c7028491ab33700030cddccee3cc78>Business Case</link>, der für einmal für Zero-Covid im Kern <link https://www.n-tv.de/wirtschaft/Studie-No-Covid-fuer-Wirtschaft-am-besten-article22470251.html>tatsächlich besteht</link>, verkennen. 
Sie müssten das Investieren lernen: Heute Kosten, morgen Gewinne oder geringere Verluste als sonst. Aber sie möchten lieber den Normalbürgern die Kosten aufhalsen. Allerdings sind die viel höher (langer Lockdown, Gefahr von Mutanten). Auch in Form von Menschleben. ]]></content:encoded>
			<category>Ökonomismus</category>
			
			
			<pubDate>Sat, 10 Apr 2021 11:28:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
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			<title>Standards guter Unternehmensführung - nun als kostenloses E-Book</title>
			<link>http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/standards-gu/</link>
			<description>Das im Jahre 2009 gemeinsam mit Peter Ulrich und unter Mitarbeit von Thomas Kuhn publizierte Buch...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Das im Jahre 2009 gemeinsam mit Peter Ulrich und unter Mitarbeit von Thomas Kuhn publizierte Buch «Standards guter Unternehmensführung. Zwölf internationale Initiativen und ihr normativer Orientierungsgehalt» ist nach 12 Jahren aus der Verlagsbindung gefallen und kann als E-Book kostenlos <link 1191 - - "Opens internal link in current window">hier</link> heruntergeladen werden.
Auch wenn sich zwischenzeitlich viel getan haben dürfte bei all den Initiativen, die wir damals untersucht haben – wer will da noch den Überblick behalten? –, so kann der Hauptteil des Buch (Teil III: Initiativen der Corporate Governance – unternehmensethisch beleuchtet) doch nach wie vor als Nachschlagewerk gute Dienste leisten.
Vor allem kommt es ja auf die Perspektive an, mit denen diese unternehmensethischen Initiativen beleuchtet werden. Diese wird in Abschnitt 3 (S. 29-44) knapp dargestellt. 
Aus meiner Sicht ebenfalls von bleibender Bedeutung ist der Abschnitt über das juridische Verständnis des&nbsp;«Unternehmensinteresses» (S. 70 ff.). Der Begriff atmet noch den Geist der «<link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/index.php?id=1156&tx_ttnews[tt_news]=260&cHash=eed2db7349e48318d73cebf788880190 _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">soulfull corporation</link>», wurde und wird vom neoliberalen Zeitgeist jedoch im Sinne des «shareholder value» fehlinterpretiert bzw. zu vereinnahmen versucht. ]]></content:encoded>
			<category>Unternehmensethik</category>
			
			
			<pubDate>Sat, 06 Mar 2021 09:09:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
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			<title>Wirtschaftsethische Überlegungen zum Prozessauftakt gegen Ex-Audi Vorstandsvorsitzenden Rupert Stadler </title>
			<link>http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/wirtschaftse/</link>
			<description>Der Dieselskandal ist ein besonders drastisches und umfassendes Beispiel für die Skrupellosigkeit...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Der Dieselskandal ist ein besonders drastisches und umfassendes Beispiel für die Skrupellosigkeit und das betrügerische Verhalten, das seit geraumer Zeit in vielen Unternehmen um sich greift. Man denke an Wirecard, den Raubzug auf die Staatskasse durch Cum-Ex, Geldwäsche, die die Praktiken der Fleischindustrie, auch viele andere, weniger spektakuläre Fälle. Neu ist, dass hier erstmals ein Vorstandsmitglied, sogar ein Vorstandsvorsitzender eines bedeutenden Unternehmens für unternehmerisches Fehlverhalten massiven Ausmaßes zur Verantwortung gezogen wird. 
Der Prozess, auch wenn er unmittelbar nur unternehmenspolitisch relevant ist, lässt sich durchaus in einen größeren Zusammenhang einordnen. Mir scheint, es ist mit Händen greifbar, dass der Neoliberalismus, der seit gut 30 Jahren eine extreme Variante von Marktwirtschaft propagiert, an sein Ende geraten ist und abgewirtschaftet hat. Gesellschaftliche <link https://www.suhrkamp.de/buecher/das_ende_der_illusionen-andreas_reckwitz_12735.html>Polarisierung</link>, <link https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/corona-krise-was-gegen-die-wut-im-land-hilft-kolumne-a-1fc88981-55a4-4e8d-b38c-22ee6f99b8d9>wütende Bürger</link>, die, von verbreiteten <link https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/coronakrise-mehrheit-der-deutschen-unterstuetzt-eingriffe-in-die-wirtschaft-a-ebc7c5fe-11de-4b3e-b7cd-3a9f50fc51e2>Abstiegsängsten</link> geplagt, vielfach Rechtspopulisten und Rechtsextremisten wählen, die Klimakrise. Der Neoliberalismus ist das Gegenteil, ja der Zerstörer einer wahrhaft sozialen Marktwirtschaft, von fairem Wohlstand für alle. Zur <link https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-27783-3_4>sozialen Marktwirtschaft</link> gehört nicht nur eine gute, griffige Regulierung des Wirtschaftsgeschehens, es gehören dazu nicht nur gut ausgebaute Systemen der sozialen Sicherung, damit die Leute nicht in ständiger Angst vor dem Abstieg leben, sondern auch eine entsprechende Wirtschaftskultur und eine Wirtschaftsmoral. Die ist aber zerstört worden, insbesondere auch durch ein <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/die-gehirnw/>Ökonomiestudium</link>, das jede echte Rücksichtnahme auf die Ansprüche anderer als Ausdruck von Irrationalität schlecht redet. 
Entsprechend sind irgendwann alle Dämme gebrochen. Die Unternehmen wurden <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/rentabilitaet/>radikal auf Rentabilität</link> und sonst gar nichts getrimmt. Das Management und Teile der Beschäftigten wurde durch Boni auf Linie gebracht. Alles, was der Rentabilität dient, wird getan. Alles, was höchstmöglichen Gewinnen entgegensteht, wird unterlassen, ignoriert oder unterdrückt. Und da ist buchstäblich jedes Mittel recht.
Das zeigt sich etwa daran, dass da offenbar niemand in einem solchen Unternehmen ist, der sagt: so etwas tut man nicht. Und wenn, dann ist er da nicht lange. Bei niemandem scheint sich da ein schlechtes Gewissen zu regen. Außer vielleicht bei Hinweisgebern. Die negativen Folgen der Betrügereien werden bestenfalls opportunistisch kalkuliert, also wiederum nach Maßgabe der Rentabilitätslogik – als «<link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/erneute-zwei/>Risiken</link>» nämlich, als Reputations- oder Rechtsrisiken insbesondere. 
Für den VW-Konzern hat es sich übrigens gelohnt. Lag der <link https://de.statista.com/statistik/daten/studie/181507/umfrage/operatives-ergebnis-der-volkswagen-ag/>operative Gewinn</link> zu Beginn der Manipulationen in den Nullerjahren noch bei jährlich rund 7 Mrd. €, so lag er danach bei €12 Mrd. Nur 2015 gab einen Verlust und 2016 einen etwas tieferen Gewinn. Danach war der alte Gewinnsteigerungskurs wieder erreicht. Heute liegt der Gewinn bei rund €16 Mrd. Die €30 Mrd., die Volkswagen bislang an Strafzahlungen geleistet hat, vor allem in den USA, dürften durch den Gewinnsprung der letzten Jahre überkompensiert worden sein – wobei sich natürlich fragen lässt, inwieweit er auf die Manipulationen zurückzuführen ist. 
Solch eine Klage gegen einen ehemaligen Vorstandsvorsitzenden ist möglicherweise Teil einer beginnenden Rückbesinnung auf die Idee einer sozialen Marktwirtschaft. Mir scheint, dass die Bürger sich solche dreisten Betrügereien einfach nicht mehr bieten lassen wollen.
Seit geraumer Zeit ist es normal geworden, dass sich Vorstände nicht am Unternehmenswohl (bzw. <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/das-mem/publikationen/standards-guter-unternehmensfuehrung/>Unternehmensinteresse</link>, S. 70 ff.) ausrichten sollen, sondern an ihrem eigenen Vorteil – durch Millionen messende Boni nämlich. Damit soll ihre Gier entfacht werden – zum Wohle der Aktionäre. Diese sog. Anreizsteuerung reicht dann einige Managementstufen herunter und schwächt sich dann ab. 
Die übrigen Beschäftigten, Ingenieure, Facharbeiter usw., sollen dann dadurch auf höchstmögliche Renditen und sonst gar nichts eingeschworen werden, dass diese angereizten Manager ja ihre Vor-gesetzen sind, die ihnen gegenüber ja weisungsberechtigt sind. Dies führt dann unter anderem zu Systemen der Angst – der Angst nämlich, den hohen Zielvorgaben nicht zu genügen. 
Da das obere Management sich seine Integrität hat <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/anreizsyst/>abkaufen</link> lassen, führt das auch dazu, dass es keine moralischen Einwände mehr gibt. Wenn es überhaupt Beschäftigte gegeben hat, die bei den Fahrzeugmanipulationen gesagt haben: «Spinnt ihr eigentlich. Bei solchen Betrügereien mach ich nicht mit.» Der dürfte ausgelacht worden sein. Oder genauer: Sie wagten es gar nicht, ihre Bedenken zu äußern. Alles was man in diesen Unternehmen sagt und tut, muss rentabilitätsförderlich sein. Wer andere, vor allem moralische Gesichtspunkte einbringt, gilt als Spinner. 
Das trifft sich auch damit, dass zwei Drittel der <link https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/umfrage-wolfsburg-ist-auch-anderswo-1.2763988>Unternehmensberater</link> sagen, dass der Trend zu unmoralischerem Verhalten in Unternehmen eine Folge des immer weiter wachsenden Renditedrucks ist. 
Die Unternehmen sagen immer: Das sind Taten einzelner, skrupelloser Mitarbeitern. In der Tat verhält es sich bei den Automobilunternehmen offenkundig so, dass kein Vorgesetzter einen Ingenieur angewiesen hat, eine Betrugssoftware zu entwickeln. Irgendwie scheint es niemand gewesen zu sein, was man in Anlehnung an Ulrick Beck «<link https://webarchiv-ulrich-beck.soziologie.uni-muenchen.de/wp-content/uploads/2017/10/Gegengifte-Die-organisierte-Unverantwortlichkeit.pdf>organisierte Unverantwortlichkeit</link>» nennen kann: Die Unternehmen, also die von der Kapitalseite bestellte Geschäftsführung, verweist auf «Einzeltäter». Diese im Falle von Audi angeklagten Ingenieure, die heute auf der Anklagebank sitzen, sagen: Nicht wir, sondern das oberste Management hat die «<link https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/auto-verkehr/abgasskandal-verhafteter-audi-manager-will-aussagen-15099349.html>unternehmenspolitischen Entscheidungen</link>» eines jahrelang vollzogenen Betrugs getroffen bzw. die «grundlegenden strategischen Entscheidungen» (<a >Bundesgerichtshof</a>) herbeigeführt, um die es hier angesichts von Millionen betroffener Fahrzeuge offenbar geht. Wir sind <link https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/abgasskandal-audi-techniker-bleibt-in-haft-wegen-auslieferungsantrag-der-usa-1.3630635>Baueropfer</link>. Denn welches Interesse sollten sie gehabt haben, die Betrugssoftware zu entwickeln? Zwar hat Abteilungsleiter Giovanni Pamio dem Vernehmen nach Boni in sechsstelliger Höhe erhalten. Doch reicht das für eine Erklärung? Und falls ja, wer hat denn diese Bonistrukturen installiert und mit welche Zweck? Wer hat die Unverantwortlichkeit organisiert?
Schon weil Boni ab der dritten Managementstufe eine eher geringe Rolle spielen, dürfte es sich eher so verhalten, dass eine andere, heiß diskutierte Managementmethode griff, «<link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/goal-stretch/>goal stretching</link>» nämlich. Die Idee ist: wir geben Ziele vor, die eigentlich unerreichbar sind. Die Mitarbeiter stehen dann da und fragen sich: Wie sollen wir das denn schaffen? Genau vor diese Frage <i>sollen</i> sie gestellt werden. Versucht es einfach. Wie ihr das schafft, das ist eure Sache.
Im Falle von Volkswagen bzw. Audi sah das dann so aus. Das Management sagte, um seinen Bonus in weiter in Millionensphären zu hieven, den Ingenieuren: Wir wollen viel mehr dieser Dieselfahrzeuge verkaufen. Wobei wir alle wissen, dass insbesondere in den USA sehr strenge Emissionsziele gelten. Wir nennen das dann «Clean Diesel». Die Ingenieure antworteten: Dafür müssen wir größere Ad-Blue Tanks einbauen mit Harnstoff, um die Schadstoffe aus der Verbrennung zu bekommen. Das Management sagte: Egal wir ihr es macht, mehr Raum im Fahrzeug für solche Tanks darf es nicht geben, weil wir sonst keinen Platz mehr haben für die <link https://www.spiegel.de/wirtschaft/audi-absturz-einer-deutschen-ikone-a-00000000-0002-0001-0000-000161087491>Soundanlagen</link> (vgl. auch <link https://www.justice.gov/opa/press-release/file/978436/download>hier</link>, S. 14), mit denen wir sehr viel Geld verdienen – und man darf ergänzen: mit denen wir Millionen messende Boni einfahren. Die Ingenieure sagten sich: O.K., wir haben verstanden. Diese beiden Ziele lassen sich nur erreichen, wenn wir eine Betrugssoftware entwickeln. Ihr wollt also offenbar, dass wir eine solche Software entwickeln und Umweltbehörden und Verbrauer täuschen. Sie mussten annehmen, dass die Unternehmensführung dies billigt. Denn alles, was den Umsätzen und damit der Rentabilität dient, geht ja in Ordnung. Auch wenn, oder sogar: gerade dann, wenn es ungewöhnlich ist. Damit sichern wir uns einen Vorsprung vor den anderen. 
Der Gerichtsprozess selbst spielt sich natürlich innerhalb des bestehenden Rechtsrahmens ab. Es kommt heute darauf an, einen Rechtsrahmen zu schaffen, der der neuen Situation gerecht wird. Unter dem Titel «Gesetzentwurf zur Stärkung der Integrität in der Wirtschaft» hat Bundesjustministerin Christine Lambrecht einen Teil eines solche erneuerten Rechtsrahmens vorgelegt. Wie zu erwarten, stößt er auf erhebliche <link https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/verbandssanktionengesetz-unternehmen-wirtschaft-verbaende-kritik-bmjv-entwurf/>Ablehnung</link> bei den interessierten Kreisen. 
Im Falle von Volkswagen bzw. Audi hätte ein solches <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/verschaerftes/>Unternehmenssanktionsrecht</link> vermutlich dazu geführt, dass 10 Prozent eines Jahresumsatzes dem Unternehmen entzogen worden wären. Dies wäre zu Lasten der Aktionäre gegangen. Für die wäre dies schmerzhaft, aber leistbar, denn sie sitzen auf Milliarden messenden <link https://www.wiwo.de/finanzen/boerse/auto-kaufpraemien-so-viel-geld-haben-die-autobauer-noch-in-der-kasse/25802106.html>Barreserven</link>. Auch könnte das Vermögen der Großaktionärsfamilien Porsche und Piëch, das sogar noch in der Dieselkrise um Milliarden <link https://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/porsche-unter-reichsten-deutschen-mit-am-erfolgreichsten-a-1231255.html>weiter gewachsen</link> ist, sinken. Denn letztlich sind es die Aktionäre bzw. deren Vertreter, die verantwortlich sind für die Bestellung der Vorstände und damit für den Geist, den diese ins Unternehmen tragen. Ebenso und vor allem für die Führungs- und Anreizsysteme (Boni), die Management und Aufsichtsräte installieren und die ja ausdrücklich den Sinn haben, die Gier des Managements zu entfachten und «<link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/vw-dieselgat/>Gas zu geben</link>», damit die unstillbare Gier der Investoren nach höchstmöglichen Renditen bestmöglich befriedigt wird.
Der Sinn dieses Gesetzes ist natürlich die Prävention. Die Verantwortlichen sollen es sich drei Mal überlegen, ob sie eine Geschäftskultur des Gewinnemachens um jeden Preis tolerieren oder aktiv forcieren wollen. Damit allerdings ein anderer Geist in die Unternehmen einzieht, bedürfte es eines weniger gewinn- und vorteilsfixierten Ökonomiestudiums.]]></content:encoded>
			<category>Compliance</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 30 Sep 2020 13:23:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Warum ich beim DNWE ausgestiegen bin</title>
			<link>http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/warum-ich-be/</link>
			<description>Es ist zwar schon eine Weile her, dass ich meine Mitgliedschaft beim Deutschen Netzwerk...</description>
			<content:encoded><![CDATA[Es ist zwar schon eine Weile her, dass ich meine Mitgliedschaft beim Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik gekündigt habe (es war im Oktober 2018), aber vielleicht ist meine Begründung ja von allgemeinem Interesse. Der Anlass ist, dass soeben die Ankündigung zum Einzug meines Mitgliedsbeitrags 2020 hereintrudelt... Wohl ein technisches Problem.
Hier also meine Begründung von damals, die ich dem Vorstand auf seinen Wunsch hin darlegte. Adressiert war sie an die Leiterin der Geschäftsstelle Berlin.

Sehr geehrte Frau Dr. Raschke,<br /> <br /> erst heute komme ich dazu, Ihnen zu antworten.<br /> <br /> Die Kündigung meiner Mitgliedschaft hat keinen konkreten aktuellen Anlass. Ich trage mich schon seit langem mit dem Gedanken, beim DNWE auszusteigen. Mir ist die Ausrichtung des DNWE einfach deutlich zu affirmativ. Dass wir im Zeitalter der dynamischen Ökonomisierung of everything stehen (darunter auch der wachsenden Rentabilisierung aller noch nicht vollständig auf Rentabilität ausgerichteten Momente innerhalb der Unternehmen) und politisch im rezenten Neoliberalismus, ist dem DNWE Anathema oder wird gar weiter befeuert. Habe gerade mal spaßeshalber die DNWE-Website nach «Neoliberalismus» durchsucht: kein Ergebnis.<br /> <br /> Nun war das DNWE niemals besonders kritisch ausgerichtet. Mir scheint allerdings, seitdem die (aus meiner Sicht: marktextremistisch ausgerichtete) Homann-Schule eine stärkere Rolle spielt beim DNWE, ist die Affirmation – für mich jedenfalls – schwer erträglich. Warum soll ich dafür auch noch €80 jährlich zahlen?<br /> <br /> Routinehaft wird der Business Case vertreten und damit die Verbindlichkeit unbeschränkter Erfolgsrationalität vorausgesetzt. Ethik des Win-Win eben. Nur ein paar aktuelle Beispiele (aus der Jahresschrift 2017): «Ethik» oder was dafür ausgegeben wird, diene der «erfolgreichen Zielerreichung» (Andreas Suchanek) oder ist Ausdruck einer «Zusammenarbeit zum wechselseitigen Vorteil» (Josef Wieland) – also auch des &quot;Täters&quot;. – Gegenstimmen: praktisch keine (erfreulich der Beitrag von Thomas Kuhn und Jürgen Weibler im Jahresheft 2017. Aber das ist ja eine seltene Ausnahme).<br /> <br /> Warum eigentlich wird dies alles unter dem Rubrum «Ethik» thematisiert? Weil die Erklärung der Verbindlichkeit unbedingter Erfolgsrationalität («langfristig», nicht kurzsichtig, versteht sich), die m.E. den Kern der klassischen und neoklassischen Ökonomik immer schon gebildet hat, eine Rechtfertigungsfrage ist und damit, was sich die Ökonomik nie eingestehen wollte, der «Ethik» zuzurechnen ist? Oder weil man eher weiche Erfolgsfaktoren dem Management nahebringen möchte, die dem Rubrum «Ethik» zugeschlagen werden, so dass «Ethik» zu einer Managementtechnik wird bzw. zu einem Segment erfolgreicher Unternehmensführung (insbesondere des «Risikomanagements»). Sie diene der «Erfüllung der Stakeholder-Erwartungen» (bekanntlich der mächtigen bzw. der – für den Geschäftserfolg – «wesentlichen»), «um nachhaltig erfolgreich agieren zu können» (Grüninger/Wanzeck).<br /> <br /> Natürlich kann man dies vertreten. Aber ich muss keinen Verein angehören, der keinerlei Interesse hat, die Gegenstimmen zu würdigen – die einschlägigen Gegenargumente, die nicht nur die St. Galler Schule der WE vorgebracht hat, sollten ja bekannt sein –, die es m.E. unmöglich machen, «Ethik» weiterhin diskussionslos im Win-Win Modus (und damit just diesen rechtfertigend) zu vertreten. Doch wie sagte noch Rolf Stürner (Markt und Wettbewerb über alles?, S. 130): Heute scheint «der Gedanke offenbar unvermarktbar, dass es &quot;business ethics&quot; geben könnte, die nachhaltig gewinnmindernd [natürlich relativ zum anvisierten Gewinnmaximum, U.T.] wirken könnten».<br /> <br /> Mir fällt da beispielsweise die Jahresschrift 2016 zum Thema «Solidarität» ein. In dieser ging es praktisch allen Autoren durch alle aufgebauten Komplexitäten hindurch darum, «Solidarität» als mit dem Homo oeconomicus vereinbar zu erklären – als «Investition» (Birger Priddat), als «Lernprozess» für das Finden «gemeinsamer Interessen» (Josef Wieland), als Resultat von im «Markt» erfüllbaren «Gewinnerwartungen» (Jörg Althammer), als Problem, das als solches definitionsgemäß durch «das Modell rationaler Nutzenmaximierung» zu fassen sei, womit eine solcherart verstandene «Solidarität» sich «als Lösungsmechanismus für zentrale Kooperationsprobleme» anbiete (Ulf Tranow). Der tiefere Sinn ist offenbar, die Verbindlichkeit unbedingter Erfolgsrationalität zu markieren – meist eher en passant statt (wie die alte Homann-Schule) offen und frontal (was ja selbst eher nicht die gewünschten Akzeptanzwirkungen bewirkt). <br /> <br /> Ich muss nicht Mitglied eines dem Namen nach wirtschaftsethisch ausgerichteten Vereins sein, dessen Vorstand ein Mitglied angehört, der über den «ethischen Sinn des Wettbewerbs» fabuliert und der Kritikern dieser Sinnzuschreibung, so er sie zur Kenntnis nimmt, nur polemisch, aber nicht ernsthaft begegnet. Der Sinn des DNWE bestünde dann wohl darin, «Botschafter des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs» zu sein und Ansprüchen an eine verantwortungsvolle Unternehmensführung allenfalls solange eine Berechtigung zuzusprechen, bis ein solches Wettbewerbsregime noch nicht vollständig etabliert ist, wofür TTIP etc. nur ein «Zwischenschritt» sei.<br /><br /> Ich muss auch nicht Mitglied eines Vereins sein, der Konzernlobbyisten wie Michael Hüther, der niemals gegen, sondern stets für die Interessen des «Unternehmerkapitals» (Hans-Werner Sinn) spricht, immer wieder eine Plattform bietet, ohne dass eine Gegenstimme zu Wort käme und ohne dass erkennbar würde, dass sich hier Interessenkonflikte zumindest auftun könnten. Dementsprechend fällt die Botschaft aus: Unternehmensverantwortung sei nur im Falle von Marktversagen («Unvollkommenheiten») notwendig und dann so auszurichten, dass sie der «gesamtwirtschaftlichen Effizienz» im Allgemeinen dient (konkret wohl: der Steigerung des BIPs Deutschlands vor allem, da die Nachfrage in D. angesichts der Lohnmoderation zu schwach ist, durch Leistungsbilanzüberschüsse bzw. Export von Arbeitslosigkeit) und der Steigerung des «unternehmensspezifischen Reputationskapitals» im Besonderen. Letzteres insbesondere vermittels durch von Unternehmen (und ihren PR-Agenturen) betriebe «Aufklärung der Bürger». Gibt es da eigentlich keine Differenz zwischen dem DNWE und der INSM? <br /> <br /> Es macht für mich einfach keinen Sinn, beim DNWE dabei zu sein. Und ein wenig wundere ich mich, dass Sie sich darüber wundern. Ich erinnere mich an eine Sitzung im Vorstand des DNWE vor vielen Jahren (damals unter dem Vorsitz von Albert Löhr), bei der ich in Vertretung von Peter Ulrich teilnahm. Dabei war es, soweit ich mich erinnere, auch meiner Initiative geschuldet, dass das DNWE, seinem Namen entsprechend, sich als «Forum für alle Personen und Institutionen, die im deutschsprachigen Raum an wirtschaftsethischen Fragen interessiert sind» versteht, da «Fragen der Wirtschafts- bzw. Unternehmensethik nach wie vor kontrovers diskutiert» werden – und wohl auch dauerhaft kontrovers bleiben. Und ich sehe gerade, dies ist ja immer noch die Satzung bzw. ein Teil der «Leitsätze» des DNWE.<br /> <br /> Dahinter kann ich nach wie vor voll stehen. Aber ich kann dies nicht in der gegenwärtigen und bereits seit vielen Jahren so betriebenen Ausrichtung des DNWE erkennen. Natürlich könnte man jetzt sagen, ich möge mich doch beim DNWE selbst mehr engagieren, um die satzungsgemäße Pluralität zu stärken und den «offenen Dialog über moralische Orientierungen bei der Gestaltung der marktwirtschaftlichen Ordnung» und bei der Ausrichtung unternehmerischen Handelns zu befördern. Doch würde dies wohl ein arger Kampf gegen so ziemlich alle gegenwärtigen Kräfte innerhalb des DNWE, was doch etwas gar aufreibend wäre. Ich habe einfach andere zeitliche Prioritäten. Und überdies ist Sicherstellung von Pluralität ja auch die Aufgabe eines jeden amtierenden Vorstandes, der angehalten ist, «nicht [als] Sachwalter eines bestimmten wirtschaftsethischen Interesses» bzw. Standpunktes zu agieren.<br /> <br /> Ich hoffe, Sie haben Verständnis.<br /> <br /> Mit freundlichen Grüßen<br /> <br /> Ulrich Thielemann
Berlin, 15. November 2018



]]></content:encoded>
			<category>Orientierungen</category>
			<category>Ökonomismus</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 27 May 2020 09:25:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Corona-Krise: Keine Zeit für Investitionen</title>
			<link>http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/corona-krise/</link>
			<description>Diesmal muss der Bail-Out den Normalverdienern gelten, nicht schon wieder dem Kapital</description>
			<content:encoded><![CDATA[
Der beinahe global angeordnete Shutdown, der die Triage innerhalb die neoliberal heruntegesparten Gesundheitssysteme vermeiden soll, dürfte den größten ökonomischen Einbruch seit der Weltwirtschaftskrise 1929 zur Folge haben und damit zu sozialen Verwerfungen führen, die unsere Vorstellungskraft übersteigen. Sie trifft etwa in den USA vor allem das Dienstleistungsproletariat, also diejenigen, die sich nach der Deindustrialisierung noch irgendeine, notorisch schlecht bezahlte und dauerhaft prekäre Beschäftigung ergattern konnten. (Die Prekarität echter Dienstleistungen hat <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/die-oekologis/ _blank>systematische Ursachen</link>, die nur durch eine entsprechende Einkommenspolitik umgangen werden könnten.) Dieser Personenkreis ist nicht nur der ökonomisch <link https://www.spiegel.de/wirtschaft/corona-krise-in-den-usa-verbraucherschulden-ohne-airbag-in-den-crash-a-9b39253b-6b54-4997-a0ca-c6c22ee422cb>verwundbarste</link> (man lebt weitgehend von der Hand in den Mund), sondern ist auch, gerade wegen der für ihn wesentlichen räumlichen Nähe zu seiner Kundschaft, am stärksten den restriktiven Kriterien der «sozialen Distanzierung» unterworfen. Die inoffizielle, aber offenbar effektive <link https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/coronavirus-usa-arbeitslose-1.4885973>US-Arbeitslosenrate</link> liegt derzeit bei über 20 Prozent, und sie liegt möglicherweise noch höher, «weil die Internetseiten und Hotlines vieler Ämter <link https://www.spiegel.de/wirtschaft/coronavirus-us-wirtschaft-in-der-krise-nur-eine-boe-vor-dem-hurrikan-a-783c321b-f7b7-4348-b202-207738d3fcff>zusammenbrachen</link>». Der Höchststand der Arbeitslosenrate in der <link https://www.godmode-trader.de/artikel/ist-die-corona-krise-schon-jetzt-schlimmer-als-die-weltwirtschaftskrise,8331313>Weltwirtschaftskrise</link> lag in den USA bei 24,9 Prozent. Mit ihren SUVs stehen die Leute nun Schlange an den Essensausgabestellen. 
In Deutschland und anderen europäischen Ländern wird Kurzarbeitergeld bezahlt – 60 bzw. 67 Prozent des Nettolohns in Deutschland, in anderen Ländern mehr, in <link https://www.focus.de/finanzen/news/vorbild-oesterreich-laendervergleich-zeigt-deutschland-ist-in-europa-schlusslicht-beim-kurzarbeitergeld_id_11840450.html>Österreich</link> vorbildlicher Weise nach Einkommen gestaffelt: Wer weniger verdient bekommt relativ mehr. Allerdings geht auch in Deutschland der selbstständig arbeitende Teil des Dienstleistungsproletariats, überhaupt alle Solo-Selbstständigen, leer aus: Es werden nur Betriebsausgaben, keine Lebenshaltungskosten erstattet. Hinzu kommen die Beschäftigten etwa von kleineren Einzelhandelsunternehmen, die dem Zuwachs des (bis auf die Zustellung) kontaktlosen Onlinegeschäfts möglicherweise endgültig erliegen werden. <link https://www.welt.de/wirtschaft/article207360065/Amazon-Die-Krise-katapultiert-den-Konzern-in-eine-neue-Dimension.html>Amazon</link> hat in den USA 175.000 neue Stellen geschaffen. Das Nominalvermögen der vier führenden «Tech»-<link https://norberthaering.de/die-regenten-der-welt/covid-19-kapitalismus/>Oligarchen</link> ist seit Anfang des Jahres um 47 Mrd. US-Dollar gestiegen.
Schauen wir in die in die Welt der Entwicklungs- und Schwellenländer. In China dürften 205 Millionen Wanderarbeiter in Zwangsurlaub geschickt worden sein, ein Viertel der chinesischen Erwerbsbevölkerung (vgl. <link https://www.blaetter.de/ausgabe/2020/mai/unsere-normalitaet-kehrt-nicht-zurueck>Tooze</link>). Ähnlich ist die Lage in <link https://www.spiegel.de/politik/ausland/indien-in-der-corona-krise-die-ausgangssperre-sorgt-fuer-chaos-a-478ead3b-f6ad-477f-8892-57a9c3252ee2>Indien</link>. Diese Leute haben überhaupt keine soziale Absicherung. Die Textilkonzerne, die die Näherinnen etwa in Bangladesch bekanntlich zu Hungerlöhnen arbeiten lassen bzw. ließen, haben ihre Zahlungen einfach eingestellt, auch für bereits produzierte Waren (<link https://www.blaetter.de/ausgabe/2020/mai/lieferketten-unter-corona-den-letzten-beissen-die-hunde>Paasch/Saage-Maaß</link>). Die Gewinnmargen, die den Textilproduzenten gewährt wird, sind derart gering, dass sie den rund einer Million Entlassenen keinerlei Lohnfortzahlungen oder Abfindungen zahlen können. Die <link https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/corona-krise-jede-zweite-arbeitskraft-weltweit-in-existenz-bedroht-ilo-bericht-a-4a3f4b0b-2642-4bd2-902b-322df332043c>ILO</link> schätzt, dass die Hälfte der 3,3 Milliarden Arbeitskräfte weltweit in ihrer Existenz bedroht ist. Besonders gravierend ist die Situation für rund 80 Prozent der zwei Milliarden Menschen, die irregulärer Arbeit nachgehen, sich also ohne Arbeitsverträge über Wasser halten. Deren Einkommen seien im weltweiten Durchschnitt um 60 Prozent eingebrochen. Kein Wunder, dass das Welternährungsprogramm von einer drohenden Hungersnot «<link https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/un-warnt-auf-corona-folgt-die-hungersnot-16736443.html>biblischen Ausmaßes</link>» warnt.
In den USA nehmen die Proteste gegen die Ausgangsbeschränkungen zu. Meist sind es Trump-Anhänger, die dabei gerne das Sternenbanger schwingen und damit das «wahre» Interesse der gesamten Nation für ihre Anliegen reklamieren – ebenso wie sie die Solidarität der Nation mit ihrem Los beschwören. Treffend hält <link https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-usa-kalifornien-strand-1.4895334?reduced=true>Jürgen Schmieder</link> von der Süddeutschen fest: «Diejenigen, die sich moralisch überlegen fühlen und all jene beschimpfen, die sich vor die Haustür wagen, haben eben nicht ihren Jobs verloren. Sie können es sich leisten, ein paar Monate daheim zu bleiben und Geduld und Gemeinschaftssinn zu fordern.»
Statt die Leute entweder in die Armut bzw. in die «<link https://www.spiegel.de/wirtschaft/corona-krise-in-den-usa-verbraucherschulden-ohne-airbag-in-den-crash-a-9b39253b-6b54-4997-a0ca-c6c22ee422cb>finanzielle Triage</link>» zu treiben oder in die für sie virologisch riskante und vor allem für vulnerable Personenkreise epidemiologisch gefährliche Ausübung ihres Jobs zu drängen, ginge es naheliegender Weise darum, diejenigen heranzuziehen, die es sich leisten können, da sie über hohe Finanzpolster verfügen. Diese leihen (bzw. schenken) jenen ihre ökonomische «Resilienz», die sie auf in welchem Maße auch immer leistungsgerechten Wegen erworben haben. Dann wäre der Lockdown für alle tragbar, wobei natürlich vorauszusetzen ist, dass die lebenswichtige, «systemrelevante» Produktion nach wie vor weiterläuft, was sie ja auch tut. (Schließlich reden wir hier von einem Wirtschaftseinbruch von etwa <link https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/arbeitsmarkt-die-wucht-des-wirtschaftsschocks-kostet-viele-arbeitsplaetze/25798858.html>20 Prozent</link>, aber natürlich nicht von 100 Prozent.)
Genau das passiert ja auch, allerdings erstens in teilweise deutlich ungenügendem Maße (vor allem mit Blick auf und in den Entwicklungs- und Schwellenländern) und zweitens geschieht es (wenn nicht mit dem Anwerfen der Notenpresse) auf Pump, was ja auch ganz unvermeidlich ist, da sich in einigen wenigen Wochen keine Steuerreform auf die Beine stellen lässt. 
Dies führt dazu, dass die Staatsverschuldung massiv <link https://www.nzz.ch/wirtschaft/die-pandemie-laesst-die-staatsverschuldung-hochschnellen-ld.1551815>steigen wird</link>. (Möglicherweise wäre die Staatsverschuldung besser als die «<link http://plural-hannover.de/wp-content/uploads/2015/04/Finanz-und-Staatsschuldenkrise.pdf>vermiedene Steuerschuld</link>» der <link https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/apr/27/economy-recover-coronavirus-debt-austerity?CMP=share_btn_tw>Rentiers</link> zu bezeichnen, denen damit sogar ein sicherer Hafen für ihre Nettovermögenspositionen in Zeiten des Anlagenotstandes geboten wird.) Die Frage ist, wie diese zurückzuzahlen sein wird – oder ob der Staat dauerhaft als Hort der überschüssigen und dysfunktionalen Vermögen der Inhaber von Nettovermögenspositionen herhalten soll, bei freilich (etwa in Deutschland) tragbaren oder (vielleicht für Italien, die Schwellen- und Entwicklungsländer) untragbaren Zinslasten.
Was die erste Option anbelangt, so warten die «führenden» neoliberalen (euphemistisch als «angebotsorientiert» bezeichneten) Ökonomen mit den üblichen, reflexhaft vorgetragenen Vorschlägen auf. <link https://www.t-online.de/nachrichten/wissen/id_87758074/coronavirus-ifw-chef-wir-werden-ueber-steuererhoehungen-nachdenken-muessen-.html>Gabriel Felbermayr</link>, der ja schon für die Rechtfertigung der marktextremistischen Freihandelsabkommen (<link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/freihandelsa/>TTIP</link> usw.) «Herausragendes» geleistet hat, damals fürs Ifo, nun als Präsident des IfW unterwegs, meint, der Einbruch der Wirtschaftsleistung erfordere über kurz oder lang Steuererhöhungen. Doch dürften davon auf gar keinen Fall die «Gutverdienenden» betroffen sein, die dann ja «noch stärker» belastet würden als jetzt schon. (Felbermayr hat offenbar die diversen Steuersenkungsrunden zugunsten höherer und vor allem zugunsten von Kapitaleinkommen nicht mitbekommen.) Denn wenn man «diese Personengruppen oder Unternehmen» besteuern würde – sprich: die «Sparer», diejenigen, die ihre Einkommen nicht ausgeben, gerade weil sie überproportional hohe Einkommen (oder Abschöpfungserfolge?) erzielen und diese konsumtiv nicht benötigen –, dann würde ja «die Anreize, zu produzieren, Arbeit [gemeint sind offenbar Arbeitsplätze] anzubieten, kleiner». Da haben wir sie also wieder: die (spätestens jetzt: schamlose) Forderung nach der «Hofierung des Kapitals» (Hans-Werner Sinn), pardon: des «Unternehmerkapitals». 
Ins gleiche Horn bläst die <link https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2020_04_13_Coronavirus-Pandemie-Die_Krise_nachhaltig_%C3%BCberwinden_final.pdf>Leopoldina</link> bzw. die dort fürs Wirtschaftliche zuständigen Ökonomen, Lars Feld und Clemens Fuest, die bekanntlich für die vollständige Abschaffung des Solidaritätszuschlags plädieren. Darin erblicken sie einen «expansiven fiskalpolitische Impuls» und einen «Stabilisator» des bestehenden Wirtschaftskreislaufs. Offenbar gehen die neoliberalen Ökonomen davon aus, dass der Staat seine Steuereinnahmen verbrennt, jedenfalls dem Wirtschaftskreislauf entzieht. 
Diese Argumentation ist aus mehreren Gründen abenteuerlich. Erstens werden derzeit nicht etwa Industrien durch den ewigen Kreislauf der «<link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/das-mem/publikationen/der-wettbewerb-und-die-effizienz/>schöpferischen Zerstörung</link>» zerstört («Strukturwandel»). Klar, deren Beschäftigte brauchen danach eine neue Anstellung, sind also auf Investitionen in entsprechende produktive Infrastrukturen angewiesen. Womit die Zerstörung übrigens erneut beginnt, die dann zur erneuten Schöpfung bzw. zum Wachstum zwingt. Dies ist aber derzeit nicht das Problem. Alle Produktionsanlagen sind nach wie vor intakt. Da wurde nichts zerstört. Zerstört durch den Lockdown wurden vielmehr vielfach schlicht die Möglichkeiten, diese Infrastrukturen zu nutzen und daraus ein Einkommen zu beziehen. Es geht nun nicht etwa ums Investieren, sondern schlicht darum, denjenigen, deren Einkommen durch den Lockdown unter ein auskömmliches Maß gesunken ist, die konsumtive Teilhabe am – insgesamt leicht gesunkenen – &nbsp;Produktionsausstoß weiterhin zu ermöglichen. Damit wird übrigens der bestehende Kreislauf geschützt und nicht etwa erweitert («Wachstum»), was sich ohnehin <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/elementare-w/>nie schmerzlos</link> vollzieht.
Abenteuerlich ist die Argumentation überdies, da die Großverdiener und Überschussbezieher, die «Sparer», ihre überschüssigen Einkommen vielfach nicht etwa produktiv einsetzen, sondern damit lediglich bestehende Vermögensbestände aufkaufen (vgl. zur Finanzialisierungskritik aus keynesianscher Sicht <link https://www.ecowin.at/produkt/der-weg-zur-prosperitat/>Schulmeister</link>, S. 124 ff.), was ihre Zugriffschancen auf die bestehende Wertschöpfung bzw. ihre Chancen zur «Rentenextraktion» (Michael Hudson) erhöht. Ablesbar etwa an gestiegenen Immobilienpreisen und Mieten.
Aber vielleicht ist die neoliberale Hofierung des Kapitals ja auf die Phase 2 gemünzt, d.h. auf die Phase nach dem Lockdown (der uns allerdings vermutlich noch in mehr oder minder abgeschwächter Form Jahre begleiten wird), in der die massiv angewachsenen Staatsschulden zu bedienen sein werden.
Die Leopoldina-Ökonomen, von der Finanzialisierungskritik gänzlich ungetrübt (von der Zerstörungs- und Ökonomisierungskritik ohnehin), erblicken darin, dass gerade diejenigen (noch) weniger Steuern zahlen sollen (Abschaffung des Solidaritätsbeitrags auch für die obersten 10 Prozent), die ihre hohen Einkommen weitgehend sparen, einen «wesentlichen Impuls für Innovation und Wachstum». Und Wachstum, das muss ja wohl sein, um die staatliche Verschuldungsquote möglichst wieder unter das Maastricht-Kriterium von 60 Prozent zu drücken.
Und die Ökonomen des von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet eingesetzten «<link https://www.land.nrw/sites/default/files/asset/document/2020-04-11_stellungnahme_expertenrat_corona.pdf>Expertenrats Corona</link>», Michael Hüther vom arbeitgeber- bzw. kapitalfinanzierten IW und Christoph M. Schmidt, ex-Chef des Sachverständigenrates, erblicken «in der Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen» (sprich: in der etwa fiskalpolitischen oder regulatorischen Hofierung des Unternehmerkapitals) den «Schlüssel für eine langfristige wirtschaftliche Erholung nach der Krise». Als Drohung an den demokratischen Souverän darf da wohl die Forderung verstanden werden, «Strukturreformen mit Blick auf die Regulierung, aber auch die im internationalen Vergleich höhere Unternehmensbesteuerung» dürften «kein Tabu sein». Also noch mehr Wohltaten für die deutsche Exportwirtschafts-Oligarchie, Schwächung der Arbeitnehmervertretungen und Festhalten an oder gar Ausbau der Niedriglohnstrategie (vor allem durch Senkung des sozialpolitisch definierten Reservationslohns), womöglich Zurücknahme bzw. Verwässerung der ohnehin viel zu schwachen Maßnahmen zur Abwendung der globalen Klimakatastrophe, wie dies bereits viele <link https://sven-giegold.de/lobbyisten-verwaessern-green-deal/>Industrielobbyisten</link> fordern, noch mehr Leistungsbilanzüberschüsse zu Lasten des Auslandes («Export von Arbeitslosigkeit»)?
Die absehbar massiv steigende Staatsverschuldung lässt sich auf mehreren Wegen zurückführen (wenn sie nicht zur Dauereinrichtung werden soll). Erstens durch Wachstumspflichten und damit durch weitere Zwänge zur Ökonomisierung unsere Lebensführung (s.o.). Zweitens durch Austerität (siehe ebenfalls oben). Für die geplante «<link https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-krise-grundrente-koennte-moeglicherweise-rueckwirkend-ausbezahlt-werden-a-71fbb48c-31ae-4096-bca5-74f0f01dfd78>Grundrente</link>» erhalten wir von dieser Argumentationslinie einen Vorgeschmack. Oder drittens durch Rückführung des Verschuldungsgrades durch die Besteuerung hoher Einkommen und großer Vermögen, so dass wir davon abkommen, dass «die sehr Reichen ihre Steuern» bloß «teilweise zahlen», um den gesparten Teil stattdessen «zu verleihen» (<link https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/dech.12505>José Gabriel Palma</link>, S. 1164), was einer doppelten Dividende entspricht: erst Steuern sparen, dann die gesparten Steuern lukrativ anlegen oder wenigstens für den Erhalt der eigenen Nettovermögensposition sichern. 
Das steuerpolitische Leistungsfähigkeitsprinzip besagt, dass für die finanzielle Erfüllung gemeinsamer Aufgaben (wozu die Bewältigung der Corona-Krise zweifelsfrei zählt) diejenigen, die ökonomisch erfolgreicher sind, also hohe Einkommen erzielen (oder über große Vermögen verfügen), stärker, durchaus deutlich stärker (Steuerprogression) herangezogen werden sollen als die Bezieher tieferer Einkommen. (Dabei wird, teilweise womöglich faktenwidrig, angenommen, dass die faktisch in Sachen Einkommen Erfolgreicheren auch mehr «geleistet» haben.) Dieses Prinzip ist Ausdruck der grundlegenden Gleichheit aller Bürger, denn dadurch werden, so die Idee, alle gleich stark belastet.&nbsp; 
Dieses Prinzip sollte den Leitstern bilden für den Umgang mit den ökonomischen, verteilungspolitisch relevanten Folgen des Corona-bedingten Lockdowns. Erste Überlegungen für einen entsprechenden «Lastenausgleich» in Form eines Corona-Solis und einer Vermögensabgabe hat <link https://www.diw.de/de/diw_01.c.785751.de/publikationen/diw_aktuell/2020_0037/steuerpolitik_in_zeiten_von_corona__unternehmen_und_konsum_k___ig_entlasten__hochverdienende_mittelfristig_moderat_belasten.html#_ftnref3>Stefan Bach</link> vom DIW vorgelegt. Dies ist die einzige nicht-neoliberale Alternative – wenn wir vom Versprechen eines free-lunch durch die Vertreter der «Modern Monetary Theory» absehen. Diesmal muss es einen Bail-Out für die Normalverdiener geben, nicht schon wieder einen Bail-Out fürs die Inhaber von Nettovermögenspositionen. Ob dies mit dem gleichen gesamthaften Wohlstandsniveau (in BIP-Werten bemessen) vereinbar sein wird wie dem vor der Coronakrise, steht freilich auf einem anderen Blatt.]]></content:encoded>
			<category>Ökonomismus</category>
			<category>Steuergerechtigkeit</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 07 May 2020 22:08:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Wachstum – ein immerwährendes Menschheitsziel?</title>
			<link>http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/wachstum-e/</link>
			<description>Fundstücke</description>
			<content:encoded><![CDATA[
<span lang="DE-CH">Das von den Arbeitgebern finanzierte </span><link https://lobbypedia.de/wiki/Institut_der_deutschen_Wirtschaft><span lang="DE-CH">IW</span></link><span lang="DE-CH"> schickt eine Wissenschaftlerin ins Rennen, die selbstverständlich eine marktkonforme Antwort auf die Klimakrise geben soll. Unter dem Titel «Es geht auch ohne Gängelung» vertritt Adriana Neligan in einem Meinungsbeitrag in der </span><link https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/gastbeitrag-es-geht-auch-ohne-gaengelung-1.4790642><span lang="DE-CH">Süddeutschen Zeitung</span></link><span lang="DE-CH"> die unter den Green-Economy-Anhängern verbreitete These, dass nur Wachstum die Voraussetzungen dafür schaffen kann, «den wirtschaftlichen Strukturwandel [hin zu sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit] zu finanzieren», wobei offenbar unterstellt wird, dass das «Finanzieren» (möglichst mit frischem Geld statt via Umverteilung) die einzige Art der Bewirkung ist. Leider fragt sie dabei nicht danach, woher denn die volkswirtschaftliche Wirtschaftskraft stammen soll, aus der sich dann die Finanzmittel ergeben, mit Hilfe derer man diejenigen bezahlt, die sagen wir Wind- und Solarkraftwerke, Stromnetze, Speichermedien usw. bauen und bereitstellen.&nbsp; </span>
<span lang="DE-CH">Selbstverständlich resultiert diese Wirtschaftskraft aus dem Gebrauch fossiler Brennstoffe und nicht etwa aus dematerialisierter Wertschöpfung, also bloßen Dienstleistungen (vgl. </span><link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/die-oekologis/><span lang="DE-CH">hier</span></link><span lang="DE-CH">). Wir müssten also erst einmal noch mehr Ressourcen und noch mehr fossile Brennstoffe aus dem Boden holen, um dann in einem weiteren Schritt in die Kreislaufwirtschaft einzuschwenken. Ich befürchte allerdings, dafür ist es zu spät. Einige Klimaforscher meinen – nur ein Beispiel –, der Kipppunkt für das Abschmelzen des </span><link https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-antarktis-gletscher-1.4787329-2><span lang="DE-CH">Thwaites-Gletscher</span></link><span lang="DE-CH"> in der Antarktis sei bereits überschritten. Die Folge wäre: Ein sich über viele Jahrzehnte erstreckender Anstieg des Meeresspiegels um </span><link https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-antarktis-gletscher-1.4787329><span lang="DE-CH">drei Meter</span></link><span lang="DE-CH">. Küstenstädte wie Hamburg, New York, Bangkok, Tokyo wären </span><link https://www.nationalgeographic.com/environment/global-warming/big-thaw/><span lang="DE-CH">dem Untergang geweiht</span></link><span lang="DE-CH">. Welche wirtschaftlichen Krisenfolgen dies haben wird, das weiß niemand. Multiplikatoreffekte würden die Ausfälle von Angebot und Nachfrage durch die Welt tragen. Vernichtete Vermögenswerte gigantischen Ausmaßes dürften zu Finanzkrisen führen, auf die kein Draghi mehr eine Antwort mehr fände.</span><span lang="DE-CH"> Dies scheint auch&nbsp;<link https://www.theguardian.com/environment/2020/feb/21/jp-morgan-economists-warn-climate-crisis-threat-human-race?fbclid=IwAR17IA-ea7mIU1bWxIIJ68tDiXRuuvrniCut0rcGVyirHrjI5v4n-uoptes _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">JP Morgan</link> begriffen zu haben.</span> 
<span lang="DE-CH">Interessant – um nicht zu sagen: abenteuerlich – ist die Erklärung der Ökonomin dafür, dass es Wachstum gibt: «Konsum und Wachstum sind fester Bestandteil von Fortschritt, Wohlstand und Sicherheit – und danach streben Menschen seit Jahrtausenden.» In den 50er Jahren wollten die Menschen in Deutschland demnach jedes Jahr 8,2 Prozent mehr konsumieren (<link https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressekonferenzen/2020/BIP2019/pressebroschuere-bip.pdf?__blob=publicationFile>Destatis</link>, S. 6). Heute nur noch knapp 1 Prozent. In einer Rezession wollen die Menschen nicht mehr, sondern weniger konsumieren. Auch die Eigentümer von Unternehmen wollen nicht mehr konsumieren, jedenfalls heute nicht. Denn sie lassen sich ihre Auslandsgewinne nicht auszahlen, sondern sparen diese in Form einbehaltener Gewinne (</span><link https://www.imf.org/en/Publications/CR/Issues/2019/07/09/Germany-2019-Article-IV-Consultation-Press-Release-Staff-Report-and-Statement-by-the-47093><span lang="DE-CH">IMF</span></link><span lang="DE-CH">, S. 11). Aus Sicht der Ökonomin ist vermutlich auch Arbeitslosigkeit Ausdruck einer verringerten Konsumneigung der Betroffenen. (Neoklassische Ökonomen deuten Arbeitslosigkeit routinemäßig als «freiwillig» - wenn sie denn nicht eine Folge «kontraproduktiver» Regulierung oder von Sozialpolitik sei.) Überhaupt muss die gesunkene Lohnquote und die korrespondierend höhere Kapitalquote (vgl. den Überblicksartikel von </span><link https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/wirtschaftswissenschaften-umverteilung-von-unten-nach-oben-unternehmen-profitieren-staerker-als-mitarbeiter/25495572.html><span lang="DE-CH">Norbert Häring</span></link><span lang="DE-CH">) Ausdruck davon sein, dass Normalbeschäftige weniger und Unternehmenseigentümer mehr konsumieren wollen. Letztere unterstellter Weise allerdings eher irgendwann in der Zukunft. </span>
<span lang="DE-CH">Die Autorin versteht überhaupt nicht, woraus das Wachstum resultiert. Grundlegend betrachtet aus dem «Marktkampf» (Max Weber) natürlich. Daraus, dass die Verlierer des globalen Wettbewerbs, um ihre Einkommensniveau nur schon zu halten, sich genötigt sehen, sich eine neue oder veränderte Einkommensquelle zu erschließen, wodurch am Ende insgesamt mehr produziert wird. In dieser Nötigung des Wettbewerbs als einer «herrenlosen Sklaverei» (Max Weber) liegt das «</span><link https://www.postwachstum.de/es-geht-nicht-ums-wachstum-es-geht-um-den-wettbewerb-20130321><span lang="DE-CH">Betriebsgeheimnis des Wachstums</span></link><span lang="DE-CH">». Prima, wenn dadurch der allgemeine Wohlstand steigt. Man muss aber auch die «Kosten» sehen – vor allem in Form eines unnachgiebigen Zwangs der Ökonomisierung sämtlicher Lebensverhältnisse. <br /></span>
<span lang="DE-CH">Diese Nötigung durch den Wettbewerb sieht die Autoren gar nicht. Sie spricht von «Gängelung». Das ist von vorn herein ein falscher Begriff für die systemischen Zwänge, die der instanzlos ablaufende, anonyme Wettbewerbsprozess mit sich bringt. Klar, die Zwänge gehen nicht vom «freien» wettbewerblichen Markt, will uns die Autorin nahelegen, sie gehen – als «Gängelungen» – im Gegenteil von seinen Kritikern aus, den «Postwachstumsverfechtern», was irgendwie nach «Fanatikern» klingt. Ganz mit </span><link https://archive.org/details/wirtschaftundges00webeuoft/page/454/mode/2up><span lang="DE-CH">Max Weber</span></link><span lang="DE-CH"> (S. 453-455) lässt sich demgegenüber festhalten, dass es eine offene, genuin politische Frage ist, ob das «Mehr an Zwang überhaupt» bzw. umgekehrt das «Mehr an faktischer persönlicher Freiheitssphäre» auf Seiten der Fortsetzung des wettbewerblich induzierten Wachstumspfades liegt oder aber auf Seiten einer Begrenzung des alle Lebensbereiche erfassenden Zwangs, die eigene Wettbewerbsfähigkeit fortlaufend zu steigern. Die zweite Option dürfte ohnehin ökologisch angezeigt zu sein. Wenn wir denn die Welt vor der sich anbahnenden Heisszeit retten wollen.</span>]]></content:encoded>
			<category>Nachhaltigkeit</category>
			<category>Ökonomismus</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 26 Feb 2020 09:30:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>«Bad Leadership»</title>
			<link>http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/bad-leaders/</link>
			<description>
MeM-Fellow Thomas Kuhn hat soeben gemeinsam mit Jürgen Weibler (Prof. für Personalführung und...</description>
			<content:encoded><![CDATA[
MeM-Fellow <link 1260 - - "Opens internal link in current window">Thomas Kuhn</link> hat soeben gemeinsam mit Jürgen Weibler (Prof. für Personalführung und Organisation an der FernUniversität Hagen) ein Buch zum verbreiteten Phänomen des «Bad Leadership» bei&nbsp;<link http://www.vahlen.de/productview.aspx?product=30377602&medium=print _blank - "Opens external link in new window">Vahlen</link> veröffentlicht.
Diese Führung ist vor allem schlecht für die Beschäftigten (unaufhaltsam steigender Leistungsdruck, Stress, zu wenig Anerkennung), häufig auch schlecht <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/verschaerftes/>für Dritte</link> (siehe Volkswagen), in der Regel aber gut für die Aktionäre. Der «light side of leadership», d.h. dem <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/fileadmin/user_upload/mem-denkfabrik/2015/Wirtschaftsethik_in_post%C3%B6konomistischer_Perspektive_UThielemann.pdf>Business Case</link> (S. 7 f.) für gute Führung, wird eine Absage erteilt. Es ist nämlich kein Zufall, dass «schlechte Führung» um sich greift, sondern, so würde ich es formulieren, dies ist Ausdruck des nach wie vor grassierenden <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/rentabilitaet/>Rentabilitätsextremismus</link>. Und dieser ist wiederum Ausdruck des – auch durch die Betriebswirtschaftslehre vorangetriebenen – Glaubens, dass alles erlaubt ist, was der Gewinnmaximierung dient, d.h. der langfristigen Erfolgsbilanz wechselnder Investoren. «Diesem Ziel» – die Autoren zitieren Peter Wuffli, damals Partner bei McKinsey, später Chef der UBS – «sind alle anderen, auch das Überlebensziel der Unternehmung als selbständige Organisation, klar untergeordnet.»
Thomas Kuhn und Jürgen Weibler zeigen an einer beindruckenden Zahl von Beispielen auf, welche Folgen es für Führende und Geführte (und teilweise auch für Dritte) hat, wenn Unternehmen zu «Geldmaschinen» umfunktioniert werden. So kommt es etwa zu einer «pekuniären Korrumpierung von Unternehmensführenden». Überdies führen die Autoren in erhellender Weise durch die aktuellen Theorien über «bad leadership» – dazu zählen etwa Konzepte wie «Pressure to behave unethically», «tyrannischem Führungsverhalten», «Exploitative Leadership».
Ja, es gab einmal eine andere Zeit. Es war die Zeit der «<link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/rentabilitaet/>soulful corporation</link>» der Nachkriegswirtschaft vor der neoliberalen Wende (ab 1980), der «staatsmännischen Unternehmensführung» und des managerialen Professionalismus («Managerialismus»), der dem allgemeinwohlverträglichen «Unternehmensinteresse» und nicht den Aktionärsinteressen allein verpflichtet war. Wenn diese Ideen zu <link https://books.google.de/books?id=V7_ADwAAQBAJ&pg=PA74&lpg=PA74&dq=%22Entthronung+des+gewinns%22&source=bl&ots=QNGhuiznMW&sig=ACfU3U19iSnGVMRJV5sIE1fugDvCXlmq2Q&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwigz9vw8unnAhVKhqQKHWUJBj8Q6AEwBHoECAoQAQ#v=onepage&q=Revitalisierung&f=false>revitalisieren</link> sind, um eine «gute Unternehmensführung» zu (re-) etablieren, dann bedarf es der <link http://www.mem-wirtschaftsethik.de/fileadmin/user_upload/mem-denkfabrik/2015/Wirtschaftsethik_in_post%C3%B6konomistischer_Perspektive_UThielemann.pdf>Entthronung des Gewinns</link> bzw. in den Begriffen von Thomas Kuhn und Jürgen Weibler, einer «Entfinanzialisierung der Wirtschaft».]]></content:encoded>
			<category>Unternehmensethik</category>
			<category>Compliance</category>
			
			
			<pubDate>Sat, 22 Feb 2020 10:23:00 +0100</pubDate>
			
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