27. November 2011
Der falsche Ruf nach «Lösungen»

Ulrich Thielemann
Kategorie: Orientierungen

Gegen die Entpolitisierung des Denkens

 

Ethiker sind häufig mit dem Anspruch konfrontiert, dass sie «Lösungen» anbieten sollen. Nach dem Motto: «Vielen Dank für den sehr interessanten Vortrag. Nun sollten wir uns fragen,» so der Moderator eines Workshops, zu dem ich einen Impulsvortrag beisteuerte: «Was folgt daraus für unseren Alltag. Was können wir morgen tun, damit die Welt eine bessere, eine gerechtere Welt wird?»

«Taten statt Worte»

Mir fällt dabei der populäre Slogan ein: «Taten statt Worte», wobei der interessantere bzw. der bedenklichere Teil das «Statt» ist. «Taten statt Reflexionen». Tut doch endlich was. Denn es kommt doch letztlich darauf an, dass etwas geschieht. Das ist ganz so wie beim «New Public Management» das in der Schweiz «Wirkungsorientierte Verwaltungsführung» genannt wird: Es gehe doch letztlich darum, «Wirkungen» zu erzeugen, nicht wahr? Man könnte auch formulieren: Es kommt doch letztlich darauf an, dass «die Probleme gelöst werden». (Ist es eigentlich Zufall, dass die «Wirkungsorientierte Verwaltungsführung» angetreten ist, «möglichst flächendeckend marktähnliche Situationen zu schaffen»?)

Dies hätte zur Folge, dass Texte, die im Kern ethische Reflexionen betreiben – mir kommt mein Grundlagenbändchen «System Error» in den Sinn – letztlich darauf hinauslaufen, ein Rezept zu formulieren, vielleicht auf den letzten paar Seiten. (Mir kommt auch die Antwort auf die Frage aller Fragen «nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest» in den Sinn, die im Roman «Per Anhalter durch die Galaxis» gestellt wird. Und die Antwort lautet: 42.) Und dieses Rezept gilt es eben umzusetzen. Die Lektüre des Textes selbst kann man sich dann eigentlich sparen (vorausgesetzt, man akzeptiert die gegebene Handlungsanleitung als «zielführend» bzw. als eine «Verbesserung»). Texte könnten natürlich auch aus längeren Gebrauchsanweisungen bestehen. Auch dann, aber auch nur dann, könnte sich das Lesen lohnen.

«Probleme» sind ethischer Natur

Einen ersten Einwand gegenüber dieser Sicht, die sich selbst vielleicht als «praxisorientiert» statt als «theoretisch» begreift, besteht darin zu fragen: Worin besteht eigentlich das «Problem», für das nach einer «Lösung» gerufen wird? Ziemlich rasch wird man erkennen, dass wir hier schon ein wenig der «Worte» benötigen bzw. es der ethischen Reflexion bedarf und nicht bloß der Tat. «Probleme» sind normativer, ethischer Natur: Sie sollen gelöst werden. Ebenfalls dürfte man den Vertreter des «Lösungs»-Paradigmas davon überzeugen können, dass es durchaus strittig ist, worin genau denn «das Problem» besteht, das da «gelöst» werden soll. Dieses Zugeständnis an die «Worte» muss sein Paradigma aber nicht erschüttern. Es müsse da ja gar kein Gegensatz bestehen zwischen «Problem» und «Lösung», zwischen der Problemdefinition und -klärung einerseits, der «Handlungsanleitung» andererseits, könnte er einwenden. Das Motto lautet nun nicht «Taten statt Worte», sondern «Worte und Taten». Aber letztlich komme es nur auf diese an.

Die Identität von Problemerkenntnis und Lösung

Warum aber bedarf es dann eigentlich noch einer «Lösung», einer gesonderten Gebrauchsanleitung? Wenn wir das «Problem» erkannt haben, wenn wir wissen, was da falsch läuft und warum dieses falsch läuft, dann müsste damit doch unmittelbar die Einsicht verbunden sein, es eben nicht mehr zu tun, nicht mehr falsch zu handeln. Problemdefinition und Problemlösung wären ein und derselbe Prozess. Erkenntnis und Tat wären eins. Jedenfalls müsste nicht mehr nach «Taten» bzw. «Lösungen» eigens gefragt werden.

Der Ruf nach Lösungen ist letztlich antidemokratisch

Natürlich könnte der Vertreter des «Lösungs»-Paradigmas einwenden: Aber nicht alle, die nun anders handeln sollten als bislang, oder die etwas anderes als bislang tun sollten, haben eingesehen, worin denn das «Problem» besteht. Sie haben den Text nicht gelesen, dem Vortrag nicht gelauscht, vielleicht interessiert sie das Thema auch gar nicht. Dies dürfte in der Tat der Fall sein. Doch was folgt daraus?

Man erkennt hieran, dass der Ruf nach «Lösungen» im Kern technizistischer statt demokratischer Natur ist. Diese anderen, die nicht überzeugt sind, werden nun nämlich nicht etwa überzeugt (damit wäre wir ja im Raum der «Worte»), und es ist nicht etwa eine Pflicht, an der öffentlichen Deliberation teilzunehmen. Ihnen wird nicht im Modus der «Worte», sondern im Modus der «Tat» bzw. der «Lösung» begegnet. Mit Hegel könnte man formulieren: Wir, die ja die «Lösung» bereits kennen, sind gegenüber diesen anderen, die nicht mit uns übereinstimmen, kommunikativ bzw. diskursiv «fertig».

Dieser Mangel an Einsicht der anderen – wer immer es sei – ist in der Tat der Knackpunkt des «Lösungs»-Paradigmas. Natürlich müsste man hier zunächst auch kritisch ins Feld führen: Haben wir, die wir nur noch danach fragen, wie die «Lösung» aussieht, was zu tun ist, denn mit unserer Problemdefinition a priori recht, und sind die anderen also im Unrecht? Dies lässt sich selbstverständlich nur im Modus der «Worte», nicht der «Taten» klären. Möglicherweise erkennt man hier, warum der demokratische Rechtsstaat eine solch wunderbare Institution ist. Demokratie steht hier für die öffentliche Deliberation, an der, mindestens der Idee und dem Anspruch nach, alle teilnehmen und zu der alle beitragen (was dann natürlich parlamentarisch heruntergebrochen werden muss). Und der Rechtsstaat, die Regulierung, steht für die Einsicht, dass die moralische Verbindlichkeit der je individuellen Einsicht (bei der Problemdefinition, wenn man so will) an Grenzen stößt, und zwar selbst dann, wenn alle die gleiche Einsicht teilten, weshalb die moralische Verbindlichkeit durch Rechtsverbindlichkeit gestützt werden muss. Mit anderen Worten: Ist das «Lösungs»-Paradigma möglichweise der hilflose, jedenfalls inadäquate Versuch, auf institutionen- bzw. ordnungsethische Problemstellungen eine individualethische Antwort zu geben, nämlich in Form der Tat des einzelnen oder auch von ein paar einzelnen, am besten gleich morgen? Denn eine gesonderte «Lösung», ein Rezept, war ja, wie wir oben herausgearbeitet haben, nur notwendig, insoweit die Problemdefinition (was läuft falsch?) nicht uno actu die «Lösung», die adäquate Tat, enthält, weil nicht alle erkannt haben, worin denn das Problem besteht.

Ethik «unter den Bedingungen» der Marktmachtverhältnisse

Damit kommt ein weiteres Defizit des «Lösungs»-Paradigmas hinzu. Da wir, die wir ja schon «die Lösung» kennen (und nur noch wissen wollen, was genau wir tun sollen oder wie wir «die Ethik» «anwenden» können), gegenüber den anderen «fertig» sind und ihnen nicht mehr im Modus der Worte (der Argumentation, des Diskurses, der kritischen Auseinandersetzung) begegnen, so gestehen wir diesen anderen auch zu, dass sie auch uns gegenüber nicht rechtfertigungspflichtig sind, dass sie also im Recht sind und ihre Handlungsweisen richtig. Nicht sie stehen in Verantwortung – denken wir an die Akteure des Kapitalmarktes –, sondern «die Lösung» besteht darin, dass wir unsere «Eigenverantwortung» wahrnehmen. Wir, nicht sie, sind aufgerufen, zur Tat zu schreiten, «die Lösung» umzusetzen. Wenn man dann noch hinzunimmt, dass sich die Marktinteraktionen über den Wettbewerb zu einer Art dritten Kraft, den sogenannten «Sachzwängen», verdichten (die allerdings für bestimmte Akteure, nämlich für die Wettbewerbsfähigen und -willigen und das Kapital «parteilich» wirken) und wir diese «herrenlose Sklaverei» (Max Weber) also hinnehmen, weil wir hier gar keine Akteure am Werk sehen, sondern quasi-natürliche Tatsachen, so vollzieht sich unsere «Tat», so vollziehen sich unsere «Lösungen» «unter den Bedingungen» (Karl Homann) dieser Kräfte. Die Marktmachtinteressenten und die Huldiger des Marktprinzips könnten darüber kaum froher sein.

Die Faszination für Allheilmittel und Zauberformeln

Mit dieser Nicht-Thematisierung bzw. letztlich: mit dieser Nicht-Adressierung (im Modus der «Worte») der anderen, wer immer es sei, dürfte die verbreitete Faszination für einfache Lösungen zusammenhängen. Dabei handelt es sich um Ansätze nach Art einer Zauberformel bzw. eines Allheilmittels, dem eine übergreifende Lösungskraft für so ziemlich alle «Probleme» unserer Zeit zugesprochen wird. Zu denken ist etwa an das

  • bedingungslose Grundeinkommen (vgl. kritisch im Lichte der Idee fairer marktwirtschaftlicher Teilhabe Butterwegge);
  • an die Einführung eines Negativzinses, genannt «Schwund-» oder «Freigeld» (einschlägig kritisch Altvater), von seinen Vertretern als «Mutter aller Lösungen der mit dem Geld verbundenen Probleme» begriffen;
  • an die Abschaffung aller Steuern zugunsten einer massiv erhöhten Umsatzsteuer, die für ein individuelles Unternehmen umso höher ausfällt, je geringer die Zahl der «Inlandsmitarbeiter» im Verhältnis zum «Inlandsumsatz» ausfällt, was «Bandbreitenmodell» genannt wird, wovon man sich «die Lösung der existentiellen MEGA-Probleme unserer Gesellschaft» verspricht;
  • und manch einer glaubt, die Welt könne durch «ethischen Konsum» (schließlich haben wir, die letztlich «souveränen» Konsumenten, es doch in der Hand)
  • oder auch durch Steuersparmodelle gerettet werden.

Ohne hier die Sinnhaftigkeit dieser «Lösungen» erörtern zu wollen oder zu können, so ist diesen Vorschlägen gemein, dass sie die tatsächlichen menschlichen Markt-Interaktionsverhältnisse – zwischen Tauschenden und Konkurrierenden – nicht thematisieren und damit auch deren Legitimität nicht hinterfragen, sondern an einzelnen Variablen einer Marktwirtschaft ansetzen (wie Geld, Konsum, der Besteuerung, dem System der Transferzahlungen), die aus ihrer Sicht den Schlüssel dazu bilden, die Marktverhältnisse im Ganzen zur ethischen Vernunft zu bringen und so zu steuern, dass der Markt eben (aus ihrer normativen Warte) richtig funktioniert.

Die Alternative: Politische Programme statt technischer Rezepte

Was ist die Alternative zum «Lösungs»-Paradigma? Sie besteht zunächst darin, zu verstehen. Zu verstehen, was genau da falsch läuft. Das ist die ethische Reflexion, das sind die «Worte». Und dies ist ein komplexes Geschäft. Ein Geschäft, das man dauerhaft betreiben muss. Es ist nicht einfach die Leiter, die man wegstoßen kann, wenn man «oben», bei den «Lösungen», angekommen ist. Dies liegt auch daran, dass diese «Lösungen» niemals vorausgesehen werden können. Was nicht nur daran liegt, dass die Welt komplex ist und wir mit «One-trick-Pony»-Lösungen Gefahr laufen, Laienant- worten, jedenfalls inadäquate Antworten zu liefern. Es liegt auch daran, dass wir stets die Offenheit für widerstreitende Ansichten behalten sollten.

Die Alternative zum «Lösungs»-Paradigma ist die Formulierung von politischen Programmen. Dies ist nicht, jedenfalls nicht unmittelbar, parteipolitisch zu verstehen, sondern im Sinne von Programmatiken, im Sinne von «Orientierungswissen» im Unterschied zum «Verfügungswissen». Wenn wir etwa verstanden haben, worin die «zerstörerische» Wirkung des Kapitals besteht und wir zur Ansicht gelangt sind, dass dem Kapital in dieser Welt eine bei weitem zu große Macht eingeräumt wurde, dann lautet das Programm: Wir beenden die Politik der «Hofierung» des Kapitals zugunsten einer Politik seiner Bändigung, jedenfalls seiner Relativierung. Dies ist keine «Lösung», kein Rezept, sondern zunächst einmal ein Anspruch, der sich im öffentlichen Diskurs argumentativ bewähren muss. Es ist auch darum kein Rezept, weil die «Bändigung» des Kapitals auf mehreren Wegen erfolgen kann (etwa durch seine Besteuerung oder durch kontrollierte Pfade seiner Entwertung bzw. des Abbaus der globalen Finanzblase, übrigens auch durch den Verzicht der «Prinzipale», alles herauszuholen, was sich herausholen lässt), was politisch zu diskutieren und mit Expertisen über die komplexen Wirkungsweise des Kapitals zu verbinden ist. (Hier einige Vorschläge von Heribert Genreith.) Kurzum, wir sollen aus dem Modus der «Worte» bei der Bewältigung «der Probleme» niemals ausbrechen. Wir sollten die Problemdefinition (im Modus der «Worte») niemals von der Problemlösung (im Modus der «Taten») trennen. Dies gilt auf der Ebene der Individualethik – etwa der Unternehmensethik – ebenso wie auf der Ebene der Ordnungsethik, die heute eine globale sein muss. Wir reden dann nicht mehr von «Lösungen», sondern von Programmatiken einerseits, Handlungsoptionen andererseits, wissend, dass diese stets darin bestehen, Rechte und Pflichten zu klären und ggf. rechtsverbindlich festzuschreiben.

P.S. Ein Workshopteilnehmer an der sehr anregenden Veranstaltung meinte übrigens zum Schluss, den Workshop resümierend, es bedürfe einer neuen «Denkungsart». Genau darum geht es.