27. März 2013
Elementare Wettbewerbstheorie: Kein Wachstum ohne Schmerzen

Ulrich Thielemann
Kategorie: Ökonomismus, Kapital

Auch der Keynesianismus verkennt die «Zerstörung», die mit der «Schöpfung» einhergeht

 

Der Ökonomismus ist die Rechtfertigungstheorie (oder -ideologie) des Marktprinzips. Diese findet sich in zwei, teilweise verwoben auftretenden Argumentationsmustern: Mikroökonomisch besteht der Ökonomismus in der Rechtfertigung des Vorteilsstrebens bzw. des Homo oeconomicus als Inbegriff von «Rationalität». Makroökonomisch wird an der Interaktionslogik der Marktverhältnisse weniger der Vorteilstausch als vielmehr das Moment des Wettbewerbs hervorgehoben und behauptet, diesem sei eine übergeordnete Vernünftigkeit inhärent, wofür der Begriff einer volkswirtschaftlich verstandenen «Effizienz» verwendet wird. Einfach formuliert: Mehr Wettbewerb diene dem Wohle aller.

Die Bedeutung der ökonomischen Fundamentals

Diese zweite Dimension des Ökonomismus hat auch der Keynesianismus nicht wirklich überwunden. Wie weitgehend und tiefgreifend kann ich hier nicht klären. Doch war ich über eine Passage von Gustav Horn (und Ko-Autoren) dann doch überrascht, in der eine Art Wunder des Marktes beschworen wird. (Hier der Text, dem die Passage entnommen ist, mit der ich mich im Folgenden auseinandersetze. Horn gebraucht den Begriff «Wunder» natürlich nicht.) Horn leitet das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung. Und dort werden natürlich im Wesentlichen keynesianische Positionen vertreten.

Eine Vorbemerkung: Solche Ausführungen von Ökonomen über elementare markt- bzw. wettbewerbstheoretische Zusammenhänge, die (häufig gegenüber einem Nicht-Fachpublikum) Dinge klarstellen, die "unter Ökonomen" doch längst klar sein sollten, sind ja immer wieder erhellend; denn sie verweisen darauf, dass es genau an diesen elementaren Grundlagen hapert, wie sogleich zu zeigen sein wird. (Vgl. zu einer ähnliche Passage von Hans-Werner Sinn hier, S. 11 [ich stütze mich im Folgenden im Wesentlichen auf die im angegebenen Text angestellten Überlegungen, die hiermit zugleich vertieft werden]; ausführlicher hier, S. 160 ff., 310 ff.) Und wenn man sie in Frage stellt, wird einem nahelegt, doch einmal eine Einführungsveranstaltung in Vwl für Erstsemester (ECON 101) zu besuchen. So etwa Rüdiger Bachmann – und übrigens auch gerne volkswirtschaftliche Gutachter, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann. Und diese Fundamentals und deren ethische Beurteilung sind es ja auch, aus denen heraus die Ökonomen aktuelle Zusammenhänge der Wirtschaft als «problematisch» oder als «unproblematisch» fassen und von denen aus sie ihre (eo ipso normativen) Empfehlungen ableiten. Demgegenüber kommt es darauf an, die Interaktionsverhältnisse, die mit dem wettbewerblichen Markt einhergehen bzw. aus denen dieser besteht, ethisch-kritisch zu entschlüsseln.

Ein «Wunder des Marktes»?

Gustav Horn, der sich selbst höchstwahrscheinlich als einen heterodoxen Ökonomen versteht, beginnt die Passage, um dies es mir geht, mit der klugen Feststellung, dass «Wettbewerbsfähigkeit ein relatives Konzept» sei. Ganz genau. Denn der Wettbewerbsstärke des einen korrespondiert die Wettbewerbsschwäche des anderen. Ja, jene besteht geradezu darin. Wettbewerbsfähigkeit ist ein Nullsummenspiel. Darum muss die Forderung nach der Steigerung «unserer Wettbewerbsfähigkeit» immer von der kritischen Nachfrage begleitet sein: Wessen Wettbewerbsfähigkeit soll denn sinken? (Der Zusammenhang wird etwa dann erhellt, wenn vom "Export von Arbeitslosigkeit" die Rede ist.)

Dessen ungeachtet scheint Horn allerdings an ein Wunder zu glauben. Es ist das «Wunder des [wettbewerblichen] Marktes» (Friedrich August von Hayek (1981, S. 240), Milton Friedman (1988)): «Ein Unternehmen, das Marktanteile gewinnt, weil es bessere Produkte herstellt oder effizientere Produktionsmethoden anwendet, stellt einen Nettogewinn für eine Volkswirtschaft dar, …»

Wie das? (Ich sehe von der Problematik des Utilitarismus, der das Streben nach Gesamtnutzensummen zum Moralprinzip erhebt, und der sich bereits im Begriff eines «Nettogewinns für eine Volkswirtschaft» ausspricht, hier zunächst ab. Setzen wir den Begriff zunächst einfach gleich mit realwirtschaftlich gestütztem BIP-Wachstum.) Woher haben die Leute das zusätzliche Geld, um die neuen und «besseren Produkte» kaufen zu können? Die Antwort, die von Mises gab (und auch Schumpeter ebenso wie weitere Austrians, wenn sie mal Klarttext reden), lautet: Sie müssen es von anderen Verwendungen abgezogen haben: «Jeder neue Artikel schafft sich seinen Absatz ganz oder zum großen Teil zunächst durch das Abziehen des Publikums vom Verbrauch anderer Artikel.» (Mises, 1940, S. 263). [Der Zusatz «zum großen Teil» ist schleierhaft und könnte allenfalls auf eine Kreditfinanzierung der Nachfrage verweisen. Oder damit ist schlicht auf den sozusagen "normalen", den Intrabranchenwettbewerb um die «gleichen Artikel» abgestellt, mit den «anderen Artikel» aber auf den Interbranchenwettbewerb um «the buyer’s dollar» (Ludwig von Mises), der schlicht weniger sichtbar ist als jener, den Mises hier allerdings allein betont, da er «um so viel wirkungsvoller als die andere», die Intrabranchen- bzw. die Preiskonkurrenz um ein homogenes Gut ist, «wie es ein Bombardement ist im Vergleich zum Aufbrechen einer Tür» (Schumpeter). Vgl. zur korrespondierenden Gesamtmarktthese hier S. 224-229.]

Diese Anbieter, die Konkurrenten des betrachteten Unternehmens, sehen sich dann gezwungen, neue Einkommensquellen zu erschließen. Und wenn ihnen dies gelingt, dann und erst dann wächst die Wirtschaft (wofür die Geldmenge, nun realwirtschaftlich gedeckt, zu erhöhen ist, soll eine Deflation der Güterpreise vermieden werden, wie immer dies zu bewerkstelligen ist).

Wettbewerb als Nullsummenspiel: Das Beispiel neuer und «besserer Produkte»

Und so fährt Horn ja auch fort: «…, auch wenn dadurch weniger produktive Firmen unter Druck geraten». Aha. Wird also doch zugestanden, dass sich das Wachstum aus Druck ergibt, aus dem Wettbewerbsdruck nämlich (der allerdings weitgehend «unsichtbar» (Smith) bzw. «verborgen» (Bhagwati) abläuft)? Dies allerdings scheint Horn als ein unbedeutendes Nebenereignis zu deuten, als eine Art Kollateralschaden, der offenbar weder wettbewerbstheoretisch zwingend ist (aber genau dies ist er!) noch ethisch beachtenswert. Denn er fährt unmittelbar fort: «Die Gesamteinkommen und der Lebensstandard sind höher.» Nein, es ist eine offene Frage, ob «die Gesamteinkommen» (also das BIP) nach einer erfolgreichen Produkteinführung höher ausfallen. Zunächst bleibt das BIP genau gleich hoch. Was dem einen gegeben wird, muss anderen genommen worden sein. Es gibt hierfür einfach keine andere Möglichkeit. Und, liebe Ökonomen, ihr seid herausgefordert zu zeigen, dass dies doch möglich ist. Ein solches Wachstum ohne Schmerzen, das wäre dann ein echtes «Wunder».

Der Wettbewerb, der Gewinner und Verlierer schafft, ist zunächst natürlich ein Nullsummenspiel: Die Gewinner machen den Verlierern ihre Einkommensposition streitig. (Was übrigens in Horns Hinweis auf die Relativität der Wettbewerbsfähigkeiten zumindest implizit steckt.) Der «Lebensstandard» (gemeint sind Einkommensniveaus) der einen, nämlich der Anbieter der «besseren Produkte», erhöht sich, und zwar im gleichen Maße wie der Lebensstandard ihrer Konkurrenten sinkt. (Übrigens nicht nur innerhalb einer Branche, sondern im Gesamtmarktwettbewerb um «the buyer’s dollars» [von Mises].) Der wettbewerbliche Marktprozess besteht aus «Schöpfung» bzw. Vorteilen für die einen (hier: für die Anbieter der neuen und «besseren Produkte» und ihre Nachfrager) und «Zerstörung» bzw. Nachteilen für die anderen, nämlich für diejenigen, die ihre Einkommensposition zumindest ein Stück weit verlieren. Der Wettbewerb wird erst dann zu eine Positivsummenspiel (nur BIP-Werte berücksichtigt), wenn es den Verlierern gelingt, eine neue Einkommensquelle zu erschließen, um «die eigenen Möglichkeiten des Zahlens», die sie ja verloren haben, «wieder aufzufrischen» (Luhmann). Ansonsten bleiben sie arbeitslos bzw. müssen ein tieferes Einkommensniveau eben hinnehmen. Wenn die unter Druck Geratenen darin überfordert sind, ihrerseits einen neuen Einkommensstrom zu generieren, gibt es kein Mehr an «Gesamteinkommen», sondern höchstwahrscheinlich ein Weniger. (Weil, wie ja gerade Keynesianer richtigerweise betonen, die Verlierer im Kreislauf des Wirtschaftens als Nachfrager ausfallen und weitere Anbieter nach unten reißen; vgl. etwa Michael Hudson, der vom «circular flow between producers and consumers» spricht. Es sei denn, wie hinzuzufügen wäre, diese anderen Anbieter stellen ihre Produktion auf die Bedürfnisse derjenigen um, die ihr Einkommen und damit ihre Kaufkraft steigern konnten. Auch durch die Plutonomy würde der Wertschöpfungskreislauf geschlossen.) Die Sache mit der Überforderung wusste übrigens Schumpeter, der von – rein aufs BIP bezogen – «sinnlosen Katastrophen» sprach, die eintreten, wenn der «ewige Sturm der schöpferischen Zerstörung» zu stark bläst.

Aus der «Schöpfung» bzw. den neuen und «besseren Produkten» (ihr erfolgreicher Absatz vorausgesetzt) unmittelbar auf das BIP-Wachstum zu schließen, bedeutet, die «Kosten» des Wettbewerbs, die vor allem in Form der Ökonomisierung der Lebensverhältnisse anfallen, zu ignorieren. Dass das «Gesamteinkommen» – also das messbare BIP – nur dann «höher» ausfällt, wenn dem Druck erfolgreich entsprochen wird, fällt so unter den Tisch, obwohl hierin doch das Betriebsgeheimnis (und nicht das Wunder!) des Wachstums zu verorten ist, nicht in der anfänglichen Ausweitung der Produktion, durch die allein die Wirtschaft kein bisschen wächst.

Kreditfinanzierung der Nachfrage als Ausweg?

Nun könnte man sich vielleicht vorstellen, dass die Geldmenge vorher erhöht wurde, und zwar so, dass die Nachfrager damit das Extra an Kaufkraft aufbringen können, um die neuen und «besseren Produkte» zu erwerben (wie immer man sich dies vorstellen sollte). Aber den Nachfragern würde das Geld ja nicht geschenkt. Sie erhalten das Zentralbankgeld auch nicht als Konsumenten, sondern als Produzenten, und zwar um neue und «bessere Produkte» erfolgreich abzusetzen. Und erneut wären wir am Startpunkt des Prozesses, der eben nicht schmerzfrei abläuft, wie Horn (und viel mehr noch der Mainstream der Ökonomen) unterstellt. (Der beinharte Marktlibertarismus gesteht die "Schmerzhaftigkeit" des Prozesses schon ein. Doch findet er die "Schmerzen" ganz wunderbar, weshalb er ja im politischen Spektrum weit rechts steht. Hören wir den Ökonomen Robert M. McKenzie: «Economic progress [i.e., growth] has two legs. One is eliminating jobs with new technologies, the other finding new tasks for workers… [Die müssen sie natürlich selbst, "eigenverantwortlich" eben, finden bzw. schaffen.] Both job creation and destruction go hand-in-hand… We would better measure economic success [i.e., growth] by the elimination of jobs than by their creation… The future of the economy rests on the country’s willingness to endure the pain of job destructions, as well as find ways to facilitate job creations. [Wozu das Kapital natürlich zu "hofieren" ist.]» McKenzie, R.B.: The American Job Machine, New York 1988, S. 9., Hvh.U.T.)

Die Kosten der einen sind die Einkommen der anderen

Wie aber sieht es mit den «effizienteren Produktionsmethoden» aus? Schlummert hier vielleicht ein Wunder des Marktes? Es ist ja immer danach zu fragen: «effizienter» (nützlicher) für wen? Und für wen möglicherweise «ineffizienter» bzw. nachteilig? Im Falle der «Effizienzsteigerung» (bzw. der Rentabilitätssteigerung) durch Kostensenkungen bei gleichem Output ist die Sache klar. Dies wäre unmittelbare Zerstörung, nämlich der Einkommen von Mitarbeitern oder Zulieferern. Denn die Kosten der einen sind die Einkommen der anderen. (Wenn man weniger zahlt, werden andere eben tiefer bezahlt.) Dies erkennt im Kern auch Horn: «Setzt aber ein Unternehmen die Konkurrenz nur dadurch unter Druck, dass es seine Arbeitnehmer schlechter entlohnt, so ist dies gesamtwirtschaftlich (bestenfalls) ein Nullsummenspiel. Das eine Unternehmen wächst auf Kosten der anderen. Die Einkommen bleiben (bestenfalls) gleich.» Hier macht also «ein Unternehmen» (und d.h. vor allem: machen seine Kapitaleigentümer) gleichsam gemeinsame Sache mit den Abnehmern, an die, so nehmen wir hier an, die Kostensenkungen in Form von Preissenkungen wenigstens zu einem gewissen Teil weitergegeben werden (das ist die kontraktuelle, wechselseitig vorteilhafte «Schöpfung»), und zwar machen sie gemeinsame Sache sowohl gegen die Mitarbeiter des betreffenden Unternehmens als auch dessen Konkurrenzunternehmen, denen die betrachteten Abnehmer den Rücken kehren (beides gehört zur wettbewerblichen «Zerstörung»).

Nun könnte man fragen, ob dies im Ergebnis stets ein (BIP-)«Nullsummenspiel» sein muss, wie Horn annimmt. Im Falle der neuen und «besseren Produkte», der oben zunächst beleuchtet wurde, geraten ja auch Einkommen von Beschäftigten unter Druck, nämlich der Arbeitnehmer in den Konkurrenzunternehmen. Dies spornt diese bzw. zwingt sie dazu, ihrerseits ihr Produktangebot zu «verbessern», woraus im Erfolgsfalle erst das Wachstum resultiert. (In der Regel passiert dies natürlich vorausschauend und graduell, also ohne dass das Konkurrenzunternehmen pleitegehen müsste oder Beschäftigte entlassen werden müssten.) Im hier betrachteten Fall nun wird auch das Einkommen der eigenen Mitarbeiter (eventuell auch das von Zulieferern), also von Kostenträgern, unmittelbar gesenkt. Erst dies findet Horn problematisch. Und nur in diesem Fall findet ihm gemäß kein Wachstum statt. Warum sollte es sich so verhalten? Selbstverständlich werden auch die unmittelbar entlassenen Mitarbeiter zu weiteren «produktiven» Anstrengungen genötigt (und wenn sie dies schaffen, erst dann wächst das BIP). Und ob die Konkurrenzunternehmen nun durch Umsatzsteigerungen oder durch Kostensenkungen seitens des betrachteten Ausgangsunternehmens Einkommensanteile verlieren, macht dafür, dass sie sich nun neue Einkommensquellen erschließen müssen (woraus Wachstum resultiert), keinen Unterschied. Ob hier ein Unterschied besteht, das wäre vielleicht eine interessante Forschungsfrage. Doch ändert dies nichts an dem elementaren und interaktions- bzw. wettbewerbslogisch zwingenden Umstand, dass ein Extra an BIP («Wachstum») aus dem Wettbewerbsdruck auf die Einkommen anderer resultiert.

Schmerzfreiheit bei der Steigerung der betrieblichen «Effizienz» ohne absolute Kostensenkung?

Als letzte mir ersichtliche hypothetische Möglichkeit eines schmerzfreien und insofern «kostenlosen» bzw. «wunderbaren» Wachstums kämen solche «effizienteren Produktionsmethoden» in Frage, bei denen die Zahlungsmenge gleich bleibt, also die bestehenden Kostenträger (Mitarbeiter oder Zulieferer) nicht verlieren, aber die Produkte pro Stück billiger produziert werden, sei es durch Arbeitsintensivierung bzw. Arbeitsverdichtung (was wir hier einmal ausschließen) oder durch "technischen Fortschritt", also den Einsatz von Maschinen bzw. «besserer» Maschinen oder auch durch «bessere» Produktionsmethoden. Die Kunden könnten dann von dem fraglichen Produkt mehr kaufen, ohne mehr ausgeben zu müssen. (Zur Erinnerung: Diese Einschränkung ist nötig, denn sollten sie mehr ausgeben, so wäre dies wie gesagt nur möglich, wenn sie die Mehrausgaben hier durch Minderausgaben dort finanzieren, was zu "Schmerzen" führt, auf Seiten der Wettbewerber nämlich.)

Dies wäre in der Tat ein Mehr an BIP ohne Wettbewerbswirkungen. Wir hätten also «Schöpfung» ohne «Zerstörung», mithin einen «Netto»-Zuwachs. (Wir sehen von möglichen Wettbewerbswirkungen im Maschinenmarkt ab.) Zum gleichen Ergebnis gelangen wir, wenn die Kunden gleich viel Produkte kaufen, für diese aber weniger Geld ausgeben müssen. Dann könnten sie diese frei werdenden Finanzmittel woanders einsetzen und andere Anbieter damit sogar noch beglücken (ebenso sich selbst durch mehr Produkte anderer Art).

Das wäre in der Tat das «Wunder des Marktes» (vgl. für Deutschland hier; womit ich nicht nahelegen möchte, dass sich diese haushaltsökonomischen Produktivitätssteigerungen der hier betrachteten Logik verdanken). Von diesem Wunder darf man m.E. in der Tat sprechen (man denke an das «goldene Zeitalter» der Nachkriegswelt, eben das «Wirtschaftswunder»), allerdings nur in einem heuristischen Sinne – und immer eingedenk der Aufgabe, die marktwettbewerblichen Interaktionsverhältnisse und ihre Fairness genau zu untersuchen: Der Massenwohlstand basiert auf der technisch vermittelten Arbeitsteilung in und zwischen Unternehmen. (Darum ist BIP-Wachstum aus Arbeitsintensivierung keines, was den Namen verdient. Und aus reinen Dienstleistungen ist auch kaum echtes Wachstum zu erwarten, weil zwischen Anbieter und Nachfrager nur geringfügige realwirtschaftliche Tauschvorteile bestehen.) Hinzuzufügen ist allerdings: auf wettbewerblichen Märkten.

Das Wunder, das keines ist

Die entscheidende Frage, die an diese "wunderbare" Erklärung des Wachstums zu richten ist, ist ja: Warum sollte sich das fragliche Unternehmen daran machen, «die Effizienz» (im oben gebrauchten Sinne) zu steigern? Man muss ja sehen: Auch wenn «Effizienzsteigerung» aus "technischem Fortschritt" von einer solchen durch Arbeitsintensivierung zu trennen ist, so erfolgt jene ja nicht einfach schmerz- bzw. anstrengungsfrei. Die Mitarbeiter müssen sich eventuell umschulen, sich jedenfalls mehr oder minder weitgehend umstellen, das Unternehmen muss eventuell reorganisiert werden (und wir setzen um des Arguments willen voraus: ohne dass nur ein einziger Lohn gesenkt oder irgendjemand entlassen würde), und natürlich müssen die Maschinen gekauft werden. (Von welchem Geld? Welche Abhängigkeiten werden damit geschaffen?) Für die Motivlage der "Effizienzsteigerer" gibt es im Prinzip zwei mögliche Antworten:

Erstens: Sie tun es, weil sie ihre eigenen Einkommen (sei es aus Arbeit oder Kapital) steigern wollen – einfach so, also ohne äußere Not (zu dieser sogleich). Im obigen Beispiel ist allerdings kein Cent mehr in die Taschen des Anbieters geflossen. Vielleicht wundert man sich jetzt, denn vielleicht denkt man: Die Sachen sind doch jetzt billiger geworden (wobei wir voraussetzen müssen: ohne dass jemandem weniger bezahlt worden wäre), vielleicht durch "Fixkostendegression", und dann können die Leute doch viel mehr davon kaufen, und folglich strömt die Kundschaft zu diesem Anbieter. Vielleicht verhält es sich so, dass sie mehr Geld beim betrachteten Anbieter abliefern. Aber dann verletzen wir den Grundsatz, dass dann, wenn die Kunden mehr ausgeben, sie diese Mittel aus anderen Verwendungen abgezogen haben müssen. Leider gibt es dann kein Wunder des Marktes (in einem mehr als nur heuristischen Sinne). Ein Wunder gäbe es nur, wenn das Unternehmen und seine Beschäftigten die «Effizienzsteigerung» aus Spaß an der Sache, aus Großzügigkeit den Kunden gegenüber oder aus welchen Gründen auch immer, jedenfalls nicht aus finanziellem Eigeninteresse angestoßen haben. Wahrscheinlich ist dies allerdings nicht, sondern reichlich exotisch. Und vor allem hätte dies nichts mit der reinen Interaktionslogik eines wettbewerblichen Marktes zu tun, die wir hier beleuchten.

Zweitens können sich die Anstrengungen zur Steigerung der betrieblichen «Effizienz» dem Umstand verdanken, dass der Anbieter seinerseits unter Wettbewerbsdruck geraten ist. Auch hier gibt es kein Wunder. Man hat dann einfach den vorausliegenden Wettbewerb, der zur «Effizienzsteigerung» zwang, der Thematisierung entzogen.

Ohne Wettbewerb bzw. ohne Wettbewerbsdruck kein Extra an BIP bzw. an «Gesamteinkommen». Ich sehe nicht, wie man diesen Zusammenhang – den zwischen «Schöpfung» und «Zerstörung» – umgehen können sollte. Darum stellen sich ja die beiden wettbewerbsethischen Grundfragen. (Lohnt sich der Stress noch, und dürfen die «Schöpfer», die Wettbewerbsfähigeren und -willigen im Verein mit dem Kapital, beliebig «zerstören»?) Und zwar stellen sich diese Fragen politisch. Eine ethisch reflektierte Ökonomik sollten diese Zusammenhänge nicht verdunkeln (oder sich anmaßen, sie vorpolitisch oder «postdemokratisch» zu beantworten), sondern schonungslos erhellen.